Dass die Inder gut und gerne Feste feiern, haben wir schon in den anderen indischen Bundesstaaten unserer Reise mitbekommen – beinahe täglich findet irgendeine Feier statt. Dass wir aber ausgerechnet während des Pongal-Festes, eines der wichtigsten Feiertage der Tamilen, in Tamil Nadu unterwegs sind, ist ein glücklicher Zufall.

Das tamilische Erntedankfest dauert insgesamt vier Tage, es beginnt immer am ersten Tag des tamilischen Monats Tai, was bei uns meist der 14. Januar ist. Bereits am Vortag sehen wir viele Kinder in Chennais Straßen große Zuckerrohr-Stangen transportieren, mit denen traditionell während des Festes die Haustüren der Wohngebäude geschmückt werden. Überall verzieren Frauen die Eingänge mit kunstvollen Bodenzeichnungen aus Reismehl, sogenannten Kolams. Auch Savitha, die Ehefrau unseres Freundes Sai, bei dem wir während unseres Aufenthaltes in Chennai wohnen, zeichnet ein wunderschönes, buntes Motiv.

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Pongal-Kolam, eine Zeichnung aus Reismehl.

Als wir dann am 14. Januar aufwachen und aus dem Fenster blicken, trauen wir unseren Augen nicht! Wir sehen nichts als Rauch und es riecht verbrannt. Sai lacht, als wir ins Wohnzimmer kommen, und erklärt uns, dass dies der Beginn der Pongal-Festlichkeiten ist: Man verbrennt, symbolisch für den Neuanfang, alte Kleidungsstücke, Möbel und alles was nicht niet- und nagelfest ist, auf der Straße. „Die spinnen, die Inder“, fährt mir mal wieder durch den Kopf 😀

Der zweite Tag ist der eigentliche Pongal-Tag. Früh am Morgen kocht man das typische Gericht, welches ebenfalls Pongal genannt wird, und aus Reis, frischer Milch, Sirup und Palmzucker besteht.

Daniel und ich haben für diesen Vormittag eine ganz besondere Einladung: Wir kochen Pongal mit Transgender-Frauen der Organisation Born2Win. Gemeinsam mit unserer indischen Freundin Anjana, die als Sängerin ehrenamtlich für die Organisation tätig ist, machen wir uns daher auf den Weg nach Saidapet, einem etwas außerhalb gelegenen Stadtteil von Chennai, wo in einem einfachen Zelt auf einem freien Grundstück gefeiert werden soll.

Als wir aus dem Taxi steigen, werden wir bereits freudig erwartet! Es ist offenbar eine große Ehre für diese Frauen, die als Transgender am Rande der indischen Gesellschaft leben, dass wir uns ihrem Fest anschließen. Dabei fühlen in Wirklichkeit wir uns riesig geehrt und dankbar, dass wir dabei sein dürfen!

Sofort wird mir ein Kochplatz zugewiesen, an dem eine der Frauen bereits damit begonnen hat, das Wasser für den Reis mit Hilfe eines kleinen Feuers aufzukochen. Immer wieder legen wir Holzstöckchen nach, dann werden der Reis und die anderen Zutaten hinzugefügt.

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Pongal wird traditionell im Hof auf einem kleinen Feuer in einem Tontopf gekocht.

Danach warten wir auf das wichtigste an diesem Tag: Um Glück und Wohlstand anzuzeigen, muss das Essen unbedingt überkochen. Alle erwarten diesen Augenblick mit Spannung und dann wird sich nacheinander gegenseitig „Happy Pongal!“ zugerufen.

Die Stimmung ist fröhlich, und ich beobachte die Frauen in ihren gepflegt wirkenden, bunten Saris mit ihren zum Teil männlichen Gesichtern. Kaum vorstellbar, welche Qualen und Erlebnisse sie dahinter verbergen.

Anjana berichtet uns, dass solche Menschen in Indien keine Chance haben, ihnen ist weder Bildung noch ein Beruf zugänglich. Sie werden in Slums an den Stadtrand gedrängt, und ihre einzige Möglichkeit, etwas Geld zu verdienen, sei die Prostitution.

Swetha, selber eine Transgender-Frau, die ihre Neigung allerdings bis heute vor ihrer Familie versteckt, wollte diesem Elend ein Ende setzen und gründete dafür 2013 die Organisation Born2Win. Gemeinsam mit einigen ehrenamtlichen Helfern sammelt sie Spenden, um einzelnen Transgender-Frauen eine Schul- und/oder Berufsausbildung und damit die Chance auf einen Job zu ermöglichen. Sie organisiert Veranstaltungen und Charity-Events und eben solche Feste, wie das Pongal-Fest heute.

Plötzlich umringen uns zahlreiche Kinder, die alle Fotos mit uns schießen wollen (siehe Titelbild). Anjana erzählt uns, dass es sich dabei um Waisenkinder handelt, die aus einem benachbarten Waisenhaus zum Mitfeiern eingeladen worden sind – was für eine schöne Geste!

Da inzwischen alle ihren Pongal-Reis fertig gekocht haben, gibt es nun einige Gesangs- und Tanzeinlagen im Festzelt. Auch wir lassen uns auf einem der blauen Plastikstühle nieder und wippen im Takt mit.

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Am meisten berührt mich die Freude der Kinder. Die Älteren kümmern sich um die Jüngeren, es wird viel gelacht und immer wieder kommt ein kleiner Junge zu mir gelaufen, berührt meine helle Haut und fragt mich nach meinem Namen und dem Namen meiner Eltern und meiner Geschwister, und dann sagt er seinen Namen und die Namen seiner Familie, die es außer einem Bruder, der bei ihm ist, nicht mehr zu geben scheint. Es wirkt, als wolle er die Namen so oft wie möglich „aufsagen“, vielleicht, damit er sie nur ja nie vergisst.

Der nächste Programmpunkt ist eindeutig der Unterhaltsamste. Aus dem Zelt laufen alle auf die Straße: Das Tontopf-Schlagen, ähnlich unserem Kindergeburtstags-Spiel Topfschlagen – nur für Erwachsene, steht an. Dafür wird an einem über die Straße gespannten Seil ein mit Wasser und Blumen gefüllter Tontopf aufgehängt. Danach werden einer Person die Augen verbunden und sie muss so, mit einem langen Stock schlagend, den Tontopf „erwischen“.

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Spiel Tontopf-Schlagen während des Pongal Festes.

Wird er getroffen, platzt er, und das Wasser spritzt über alle Beteiligten – eine Mords-Gaudi! Traditionell ist dieses Spiel den Männern überlassen. Hier sind aber selbstverständlich die Frauen Ausführende.

So viel Aufregung macht hungrig! Bevor es allerdings ans Reis-Buffet geht, werden alle Pongal-Reis-Töpfe aufgereiht und es wird mit kurzen Gebeten und Räucherstäbchen den Hindu-Göttern für dieses Mahl gedankt.

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Aufgereihte Pongal-Reistöpfe.

Erst danach erhält jeder ein kleines Schälchen des schmackhaft süßen Pongal-Reises – für Daniel und mich der Abschluss eines unvergesslichen Festtages.

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Auch wir lassen uns den süßen Pongal Reis schmecken.

Wissenswertes zur Organisation Born2Win:

Gründerin? Swetha Sudhakar, selber Transgender-Frau. Da sie dies aber über viele Jahre, v.a. vor ihrer Familie geheim gehalten hat, wurde sie nicht verstoßen. Sie studierte Soziologie (Master) und Verwaltungswissenschaft (Bachelor) und arbeitet als Managerin bei verschiedenen nationalen und internationalen NGO bei HIV/AIDS Projekten.

Website? Die Facebook-Seite von Born2Win.

Spenden? Den Zugang zum offiziellen Spenden-Account könnt ihr über diese E-Mail Adresse erfahren: born2winsocialtrust2013@gmail.com

Welche Feste hast du schon auf Reisen mit Einheimischen gefeiert?
Hinterlasse mir gerne einen Kommentar! Deine Julia

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