Neben grandioser Landschaft erwartet uns auf unserem Südamerika-Roadtrip noch etwas, das wir auf Reisen ausgesprochen gerne erkunden: sogenannte Lost Places, vergessene, verlassene Orte. Klangvolle Bezeichnungen wie z.B. die „Ghost-Town-Alley“, an der sich zahlreiche verlassene Siedlungen, Industriebauten und kleine Städte im Norden Chiles aneinander reihen, die überwiegend aus der Zeit des Salpeterbooms stammen, aber auch Bergbau-Minen auf der argentinischen Seite der Grenze, in denen Quarz, Gold und weitere Edelmetalle ausgebeutet wurden, sowie zugehörige Versorgungstrassen und ein Eisenbahnfriedhof in Bolivien versprechen spannende Fototouren.

Von der Mina Incahuasi habe ich euch bereits im letzten Blogbeitrag berichtet. Hier verrate ich euch nun ein paar weitere unwirkliche Orte, die mitten in der Wüste der geographischen Einheit Puna, Atacama, Altiplano dem Verfall preisgegeben sind:

1. Mina Concordia (Provinz Salta, Argentinien)

Diesen absolut spektakulären Lost Place, der zu Beginn des 19. Jahrhunderts eine Silbermine war, erspähen wir im Nordwesten Argentiniens kurz vor Erreichen der berühmten Eisenbahnbrücke Viaducto la Polvorilla oberhalb der Ruta 40. Eigentlich ist von unten von der Straße nur eine alte Stahlkonstruktion samt Kran erkennbar. Doch das reicht aus, um unser Interesse zu wecken. Nur, wie gelangt man dort hoch?

Einige hundert Meter weiter entlang der Ruta 40 entdecken wir einen Abzweig zu einer schmalen, löchrigen, in den Hang geschlagenen Piste, der einmal notdürftig mit großen Steinen und Stacheldraht versperrt war. Ein Schild besagt „Prohibido ingresar – propiedad privada!“. Ich winke ab, da passen wir sowieso nicht durch, und wer weiß, in welchem Zustand die Straße ist, nachher rutschen wir mit dem Wagen ab, befürchte ich. Doch Daniel gibt nicht so schnell auf, steigt aus und möchte mich einweisen. „Lass es uns wenigstens versuchen!“, und schon manövriere ich unseren Toyota durch den engen Spalt der beiden Felsen und weiter die holprigen hundert Meter hinauf bis zur Mine auf 4144 Metern Höhe. Wow, wieder ein kleines Fahrabenteuer, freue ich mich, als wir sicher oben ankommen, und ich den Wagen so parke, dass er von der Straße aus nicht sichtbar ist. Natürlich hätten wir ihn auch unten an der Straße zurück lassen können, doch dann hätten wir vermutlich auf uns aufmerksam gemacht, das wollten wir vermeiden.

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Mit unseren Kameras bewaffnet springen wir aus dem Fahrzeug, und eisiger Wind schlägt uns entgegen. Wir stehen direkt an den Gleisen der Bahnstrecke des „Tren a las Nubes“, der von Salta nach Antofagasta verkehrt, und die während der aktiven Zeit der Mine wohl auch zum Abtransport des abgebauten Silbers diente. Von hier aus erkunden wir nun nach und nach das gesamte Areal, stoßen auf Kräne, Förderbänder, verlassene Gebäude und rostige Maschinen. Für mich ist es immer wieder erstaunlich, was Menschen einfach in der Gegend liegen lassen, wenn sie einen Ort für immer verlassen.

Am gegenüberliegenden Hang liegen die Ruinen einiger Wohnhäuser mitten in dieser unglaublich kargen Landschaft. Wieviele Menschen hier wohl gelebt und gearbeitet haben, frage ich mich, während ich mich gegen die starken Windböen stemme, die versuchen, mich den Abhang hinunter zu werfen. Ich werde darauf keine Antwort finden. Auf Google erfahre ich später nur, dass die Mine 1986 nach einer Überschwemmung komplett geschlossen wurde.

Nach etwa einer Stunde sind wir ziemlich durchgefroren und beschließen zufrieden, den Rückzug anzutreten.

2. Der Eisenbahnfriedhof von Uyuni (Departamento Potosí, Bolivien)

Drei Kilometer südlich der bolivianischen Stadt Uyuni liegt der sogenannte „Cementerio de los Trenes“, ein Eisenbahnfriedhof, auf dem etwa 100 Lokomotiven und Wagen ihrer vollständigen Auflösung entgegen rosten. Die ältesten Modelle stammen aus dem ausgehenden 19. Jahrhundert und lagern dort, nachdem in den 1940er Jahren die örtliche Industrie zusammengebrochen ist, die meisten der Edelmetallminen von ihren Betreibern aufgegeben und somit auch die meisten Versorgungstrassen stillgelegt und dem Verfall preisgegeben worden sind.

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Die intensiven Farben der umliegenden Landschaft und die zum Teil mit Graffiti besprühten Dampflokomotiven und Waggons sind ziemlich spektakuläre Fotomotive. Wie auf einem Abenteuerspielplatz klettern wir in und auf den rostigen Wracks herum, ein genialer Lost Place!

Tipp: Der Friedhof ist ein beliebter Ausflugspunkt für Touristen wie Einheimische. Wenn ihr die Szenerie für euch alleine haben wollt, müsst ihr sehr früh unterwegs sein, sonst wird es voll!

3. Salpeterwerke Humberstone und Santa-Laura (Región de Tarapacá, Chile)

Die beiden direkt beieinander liegenden Orte Humberstone und Santa-Laura im Norden Chiles sind zwei ehemalige Salpeterwerke, in denen bis Anfang des 20. Jahrhunderts Chilesalpeter (Natriumsalz) abgebaut wurde, welches in der Atacama reichlich vorkommt. 1872 gegründet, gehörte die Anlage zu den größten Salpeterwerken Chiles, um die sich eine ganze Stadt mit Schule, Kirche, Theater und Krankenhaus bildete, in der zu Glanzzeiten etwa 4000 Einwohner lebten. Als jedoch Anfang der 20er Jahre der Chemieindustrie in Deutschland die künstliche Ammoniak-Synthese gelang, brach der Markt für Salpeter quasi über Nacht zusammen. Viele Arbeiter wurden entlassen, und 1960/61 wurden die Werke komplett geschlossen. Seither rosten und verfallen die beiden Orte im Wüstensand.

Klingt eigentlich nach einem Lost Place genau nach unseren Vorstellungen. „Leider“ ist der große, rostige Industriekomplex jedoch seit 2005 UNESCO-Weltkulturerbe. Es gibt ein Freilichtmuseum, welches sich inzwischen zu einem beliebten Touristenziel entwickelt hat. Daher haben wir unterwegs beschlossen, auf dieses Ziel zu verzichten, da es uns nicht mehr ganz so „verlassen“ vorkommt, wie wir es mögen.

Tipp: Wer von euch nun dennoch die ehemaligen Salpeterwerke besuchen möchte, bekommt bei 2onthego nützliche Infos dafür.

4. Chiles Ghost town alley (Región de Antofagasta, Chile)

Zwei Straßen nordöstlich der chilenischen Küstenstadt Antofagasta gehören zur sogenannten Ghost Town Alley, an der sich, oft direkt am Straßenrand, Überreste von insgesamt 80 ehemaligen Minen samt dazugehörigen Ortschaften befinden. Dies ist zum einen die Ruta 5, auch als Panamericana bekannt, sowie die deutlich kleinere Ruta 25, die Antofagasta mit der Minen-Stadt Calama verbindet.

Wir fahren, aus San Pedro de Atacama kommend, an diesem Tag die Strecke über Calama entlang der 110 Kilometer langen Ruta 25 bis nach Antofagasta und kommen aus dem Staunen nicht mehr heraus: Ganz Chile scheint in dieser Region vom Bergbau umgegraben zu sein! Stundenlang sehen wir nichts als staubige Erde, überdimensionale Trucks, die Material und Bagger transportieren, und gigantische Muldenkipper, die abgetragene Erde zu riesigen Bergen auftürmen. Ehrlich gesagt gehört diese Strecke zu den hässlichsten Gegenden der Welt, die ich bisher gesehen habe!

Als wir schon glauben, dass dies ein furchtbar anstrengender, öder Fahrtag wird, erblicken wir plötzlich wiederholt Ruinen. Machmal sind es nur ein paar Steinblöcke, Überreste von Grundmauern, baufällige, ehemalige Oficinas (span. Büro), dann auch mal ganz ordentlich erhaltene Ortschaften, etwa 20 an der Zahl. Am Adobe-Baustil zu erkennen, stammen sie wohl aus den Jahren 1890-1925, als in Chile der vorhin beschriebene Salpeter-Handel boomte. Jetzt sind wir wieder in unserem Element und halten hier und da an, um Fotos zu schießen.

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Überreste des Dorfes Pampa Unión, Ghost Town Alley, Chile.

So richtig gruselig wird es, als wir in einigen hundert Metern Entfernung links der Straße auf einer sonst völlig leeren Ebene ein Feld mit Gräbern entdecken. Wir fahren von der Straße ab, offroad über staubtrockenen Boden, bis wir den kleinen Friedhof erreichen, der wie für eine Filmkulisse geschaffen einfach daliegt. Als ich die Autotüre öffne, höre ich den Wind durch die Holzkreuze pfeifen. Um uns herum keine Menschenseele, nur wir und diese seltsamen Gräber.

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Ich bin kein besonders ängstlicher Mensch, aber ich muss zugeben, dass es mich mehrfach schaudert und ich mich immer wieder umsehen muss, während wir zwischen den Grabstätten schlendern, um zu fotografieren. Was für ein merkwürdiger Ort!

5. Die Geisterstadt Chacabuco (Región de Antofagasta, Chile)

Auch die ehemalige Salpeter-Mine Chacabuco, die die größte ihrer Art in Chile war, gehört im Prinzip zur Ghost Town Alley. In der östlich der Panamericana liegenden Wüstenstadt lebten etwa 5000 Minen-Arbeiter mit ihren Familien. Hier gab es alles, was man zum täglichen Leben so braucht: Eine Markthalle, eine Kirche, ein Theater, Schulen, eine Wäscherei, sogar ein Hotel, Tennisplätze und ein Schwimmbad. Doch auch hier wurde die Salpeter-Produktion 1940 eingestellt, die Menschen verließen Chacabuco, das seither in der sengenden Sonne vor sich hin rostet.

Die Besonderheit von Chacabuco ist, dass der Ort 1973/74 wiederbelebt wurde, als die Militärdiktatur unter Pinochet dort für zwei Jahre ein Internierungslager für bis zu 1200 politische Häftlinge, linksgerichtete Intellektuelle, einrichtete. An den Wänden ihrer Quartiere kann man angeblich noch heute Inschriften von verzweifelten Häftlingen finden. Dazu gibt es im ehemaligen Wächterhaus, Chacabuco gehört inzwischen ebenfalls zum UNESCO-Weltkulturerbe, eine kleine Ausstellung.

Leider habe ich von diesem Lost Place tatsächlich erst nach unserer Rückkehr aus Südamerika in einer ARTE-Dokumentation erfahren, daher haben wir Chacabuco nicht persönlich gesehen. Ich glaube aber, dass sich hier ein Besuch wegen der spannenden, abwechslungsreichen Geschichte des Ortes sehr lohnt!

Kennst du noch weitere interessante Lost Places in der Gegend?
Hinterlasse mir gerne einen Kommentar! Deine Julia