Die letzten beiden Nächte unseres großen Osteuropa-Roadtrips im August 2017 haben wir in Polen, in der oberschlesischen Industriestadt Kattowitz (poln. Katowice) verbracht. Wieso ausgerechnet in Kattowitz und nicht im viel berühmteren Krakau, wird sich der eine oder andere von euch nun fragen. Da wir es ja bekanntermaßen lieben, „off the beaten path“ zu reisen, wollen wir diesem Motto nach 7000 Kilometern durch 13 verschiedene Länder Osteuropas auch bis zum Ende unserer Reise treu bleiben und haben uns ganz bewusst für die 300.000 Einwohner-Stadt entschieden, deren Namen im heutigen Deutschland kaum noch jemand kennt.

Ebenfalls empfohlen von unserem polnischen Musiker-Kollegen Lukasz, der Kattowitz als sehr authentische und architektonisch spannende Stadt beschreibt, begeben wir uns daher direkt am ersten Tag neugierig auf einen Spaziergang vorbei an zahlreichen sehenswerten Orten, die ich euch in diesem Beitrag verrate:

#1 Das Schlesische Theater

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Das Schlesische Theater am Platz Rynek.

Zentral gelegen am Platz Rynek, gehört das Anfang des 19. Jahrhunderts von einem Kölner Architekten entworfene Stadttheater zu den Wahrzeichen von Kattowitz. Es ist mit seinen 410 Sitzplätzen das größte und wichtigste Theater Schlesiens und wurde am 2. Oktober 1907 feierlich eröffnet. In seiner Eröffnungsrede sagte der damalige Oberbürgermeister, das Stadttheater möge ein stolzes und unbesiegbares Bollwerk gegen die feindliche polnische Lebensart sein. Das dazu passende, steinerne Giebel-Spruchband „Deutschem Wort und deutscher Art“ ist zwar längst entfernt, dennoch zeugen die wuchtigen Portale des Eingangs sowie drei Reliefs an der Fassade, das des Tanzes, das der Musik und das der Literatur, von vergangenen Tagen. Heute trägt das relativ farblose Gebäude den Namen des polnischen Malers und Dramatikers Stanislaw Wyspianski.

#2 Der brutalistische Wohnblock Superjednostka

Nur wenige hundert Meter weiter stehen wir vor der „Supereinheit“ (poln. Superjednostka), einem der größten Wohngebäude Polens. Angelehnt an die Architektur Le Corbusiers, entstand der Wohnblock zwischen 1967 und 1972 auf einer Fläche von 9817 m². Das Gebäude enthält auf einer Länge von 187 Metern und 15 Etagen 762 Wohnungen, 17 Geschäfte und eine Tiefgarage mit 175 Stellplätzen. Etwa 1300 Menschen leben hier, manche davon in kleinen, fensterlosen Einheiten. Was für ein Anblick!

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Das größte Wohngebäude Polens: Der Wohnblock „Superjednostka“.

#3 Die Sport- und Veranstaltungshalle Spodek

Weiter geht es zur „Untertasse“ (poln. Spodek), einem ebenfalls architektonisch spannenden Gebäude, in dessen Gesamtanlage neben der eigentlichen Arena außerdem eine Eislaufhalle, eine Sporthalle und ein Hotel zu finden sind. 1971 eröffnet, wurde das Hallendach in Form eines schräggestellten Diskusses mit einer Tragseilkonstruktion entworfen. Die Mitte des Dachs wird von einer gläsernen Kuppel eingenommen, die, von einer Galerie umschlossen, die Arena mit Tageslicht versorgt. Die ursprünglich asbesthaltige Verkleidung der Fassade wurde 2011 für umgerechnet etwa 7 Millionen Euro umfangreich ausgewechselt und renoviert. Wir treiben uns ziemlich lange um das Ufo-ähnliche Gebäude und das angrenzende moderne Kongresszentrum samt Park herum und fotografieren, ein wirklich sehenswerter Ort in Kattowitz.

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Das Gelände rund um die Sport- und Veranstaltungshalle „Spodek“.

#4 Die NOSPR Konzerthalle

Für uns als klassische Orchestermusiker ist es in jeder Stadt „Pflicht“, unseren Kollegen „Hallo!“ zu sagen. Da in den Sommerferien die meisten Orchester der Welt Spielzeitpause haben und keine Konzerte stattfinden, bedeutet das für uns, zumindest die Spielstätten zu besuchen. In Kattowitz ist das seit 2014 das ganz neue Musikzentrum mit einem Konzertsaal für das Nationale Symphonieorchester des Polnischen Rundfunks.

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Der Konzertsaal des Nationalen Symphonieorchester des Polnischen Rundfunks.

Der rote Backsteinbau, umgeben von einem sauber angelegten Park, erinnert mich optisch sehr an die Kölner Philharmonie. 1800 Plätze fasst der Saal und soll zu den besten Konzertsälen Europas gehören. Schade, dass wir uns davon nicht persönlich überzeugen können.

#5 Das Schlesische Museum im Neubau auf der ehemaligen Zeche Katowice

Ähnlich wie die Städte des Ruhrgebiets versucht auch Kattowitz, seine Vergangenheit als Industriestadt in die Moderne zu integrieren. Und so wurde das Schlesische Museum, welches seit 1984 ursprünglich im ehemaligen Grand Hotel Wiener untergebracht war, im Jahr 2014 kurzerhand in einen Neubau auf dem fantastischen Gelände der ehemaligen Zeche von Kattowitz verlegt. Nach einem Architektenwettbewerb, den die Österreicher Riegler und Riewe gewannen, wurde 2011 mit dem Bau begonnen. Dabei wurde das neue Museumsgebäude, das sieben Stockwerke umfasst, davon drei unterirdische, in die Einrichtungen des stillgelegten Bergwerks integriert. Wir sind nicht die großen Museumsgänger und haben uns nicht so sehr für die über 75.000 ethnologischen und archäologischen Exponate sowie die 233 Kunstwerke in der Gemäldegalerie der polnischen Malerei des 19. und 20. Jahrhunderts interessiert, sondern vielmehr für das Außengelände. Hier fügen sich alte Fabrikhallen, moderne Glaskuben, zwei ehemalige Fördertürme, die man besteigen kann, sowie eine schöne Grünanlage zu einem spannenden neuen Gesamtbild zusammen – ein Besuch lohnt sich sehr!

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Gelände auf der ehemaligen Zeche Katowice. Neuer Standort des Schlesischen Museums.

#6 Die Schlesische Universität

Über eine Brücke, die eine der Hauptverkehrsachsen von Kattowitz überspannt, laufen wir vom Gelände des Schlesischen Museums weiter zur Schlesischen Universität.

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Das Hauptgebäude der Schlesischen Universität.

Auch am Beispiel der Hochschulen und Universitäten kann man den anhaltenden Strukturwandel und den Rückgang der Bedeutung der Schwerindustrie in Kattowitz sehr gut beobachten. Denn die Zahl der Studienplätze an den 20 verschiedenen Hochschulen der Stadt hat sich in den letzten 15 Jahren auf 100.000 Studierende vervierfacht. Architektonisch erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang vor allem die juristische Fakultät sowie das Gebäude der Schlesischen Bibliothek.

#7 Das Restaurant- und Ausgehviertel von Kattowitz

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Fußgängerzone Ulica Mariacka in Kattowitz.

Östlich des Hauptbahnhofs, rund um den Straßenzug Ulica Mariacka, befindet sich ein einladendes und schönes Viertel mit vielen Bars, Clubs, Kneipen und Restaurants. Die Straße, an deren östlichem Ende die katholische Marienkirche liegt, ist eine Fußgängerzone, sodass man im Sommer auch entspannt vor den Lokalen draußen sitzen kann. Vor allem junge Leute treffen sich hier. Wir schlendern im Sonnenuntergang entlang, auf der Suche nach einem guten Restaurant. Fündig werden wir im Restaurant Tatjana, großartige Küche, aufmerksame Kellner – hier genießen wir einen köstlichen Abend und werden am nächsten direkt wieder kommen!

#8 Shopping in der Galeria Katowicka

Und was fehlt nun noch für einen gelungenen Städtetrip? Natürlich eine ausgiebige Shopping-Tour. Und auch da kommen wir in Kattowitz voll auf unsere Kosten! In dem 2013 eröffneten modernen Einkaufszentrum Galeria Katowicka mit 250 Geschäften direkt am Hauptbahnhof bummeln wir am zweiten Tag unseres Aufenthalts in der Stadt von Laden zu Laden und schlagen richtig zu. Denn bei uns teure Mode-Marken wie Pepe Jeans, Happy Socks oder Loake Lederschuhe sind hier etwa 30% günstiger als in Deutschland. Außerdem ist auch dieses Gebäude von außen ein echter Hingucker. Wir sind also rundum zufrieden 🙂

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Shopping-Mall Galeria Katowicka.

Wissenswertes:

Reisezeitraum? 22.-24. August 2017

Anreise? Wizz Air fliegt von vielen deutschen Flughäfen in ca. 1.30h nach Kattowitz (Flughafenkürzel KTW). Auch die Bahn bietet Direktverbindungen von Berlin. Wir waren mit dem eigenen PKW unterwegs.

Wohnen? Hornigold EuroResidence – sehr zu empfehlen, mit sicherem Parkplatz im Hof!

Preise? Obwohl Polen zur EU gehört, sind die Lebenshaltungskosten dort etwa 1/3 günstiger als bei uns in Deutschland, egal ob beim Essen gehen oder beim Marken-Shopping.

Unbedingt probieren? Schlesische Spezialitäten sind v.a. eines, fleischreich! Schlesische Roulade, Schlesische Wurst – aber es gibt auch Zur, eine saure Mehlsuppe mit Kartoffeln und Ei.

Tipp: Wir haben unseren Kattowitz-Aufenthalt außerdem mit einem Besuch des KZ Auschwitz verbunden, welches nur etwa eine Stunde Fahrzeit außerhalb der Stadt liegt. Es gibt sowohl Zug- als auch Busverbindungen zum Bahnhof Oswiecim.