Sehr spontan entscheiden wir im Mai 2019, ein paar Tage nach La Gomera, auf die zweitkleinste Insel der Kanaren, zu reisen. Ich kenne die Kanarischen Inseln bisher gar nicht und muss zugeben: Ich bin skeptisch! Wir sind weder die großen Wandervögel noch Ü65, gehören also vermutlich nicht ganz in die Zielgruppe des typischen Kanaren-Urlaubers. Dass meine Freundin Katrin mir außerdem lachend erzählt, ihre Eltern seien zur Silberhochzeit auf La Gomera gewesen, lässt meine Vorurteile nun auch nicht gerade schwinden. Aber wie so oft auf Reisen lohnt es, sich ein eigenes Bild von einem Ort zu machen, und wir haben es nicht bereut! Im Gegenteil: La Gomera war großartig, wir haben uns sogar ein kleines bisschen in die Insel verliebt – ein Ort zum Wiederkommen? Wer weiß…

Vier Tage erkunden wir die Insel intensiv mit einem Mietwagen und treffen zum Teil den ganzen Tag lang keine Menschenseele. Sechs ganz besondere Orte auf La Gomera verrate ich euch hier:

#1 La Gomeras Felsenpool „El Pescante“

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In der Nähe von Hermigua im Nord-Osten der Insel führt östlich des Örtchens Santa Catalina eine schmale Straße hinab zur Küste zu einem gigantischen Lost Place, einem aufgegebenen Meerschwimmbecken sowie Überresten einer ehemaligen Verladestation. Mit dem Auto könnt ihr bis zu einer abgesperrten, unbefestigten Straße fahren, danach geht es in etwa 5-10 Minuten zu Fuß weiter bis zum Naturschwimmbecken, das aus dem Fundament des ehemaligen Verladekrans entstand und sich konstant mit frischem Meerwasser füllt.

Ich liebe solche Orte, an denen die tosenden Wellen des türkis-blauen Ozeans an den Strand und gegen die Klippen schlagen. Außerdem habt ihr von hier einen magischen Ausblick auf das Tal von Hermigua!

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Lost Place „El Pescante“ mit Blick auf das Tal von Hermigua.

Der Pool ist offiziell schon lange nicht mehr in Betrieb, die spärliche umliegende Infrastruktur von Steinschlag und anderen Naturgewalten beschädigt. Wir erkunden und fotografieren zunächst diese spannende Umgebung, zwei kleine Gebäude, die wohl als Umkleiden und Bar dienten, und vier massive, senkrecht in den Himmel ragende Steinsäulen. Dann zieht es mich – stillgelegt hin oder her – außerdem ins kühle Nass!

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Felsenpool „El Pescante“ und Überreste einer ehemaligen Verladestation.

Achtung: Die Felsen rund um den Pool sind von Algen bewachsen und extrem glatt, Badeschuhe können hier nützlich sein!

#2 Europas letzter Regenwald im Garajonay Nationalpark auf La Gomera

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Im zentralen Hochland La Gomeras im Nationalpark Garajonay liegt ein echtes Juwel: Der jahrtausendealte Lorbeerwald, Europas letzter Regenwald, 1986 von der UNESCO zum Weltnaturerbe erklärt. Eigentlich durchquert man auf jeder Tour mit dem Auto durch das Herz der Insel Abschnitte des Waldes, dessen Bäume sich zum Teil wie Tunnel um die schmalen Inselstraßen ranken. Doch besonders der Wald rund um das Örtchen El Cedro ist sehenswert. Ein kilometerlanges Wegenetz durchzieht hier den feuchten Nebelwald, vorbei an Farnen und mit Moos bewachsenen Bäumen – eine verwunschene Märchenwelt und ein großartiger Ort zum Wandern.

#3 Der Aussichtspunkt „Mirador del Morro de Agando“

La Gomera ist die Insel der Aussichtspunkte, ein dramatischer Ausblick folgt dem nächsten. Wenn ihr mit dem Mietwagen über die Insel fahrt, werdet ihr alle paar Kilometer Haltebuchten mit einem ausgeschilderten „Mirador“ (span. Aussichtspunkt) passieren, der euch einen Blick über tiefe Canyons, langgezogene Täler, auf imposante Felsen, Palmenwälder und steile Berghänge bis hin zum Ozean bietet.

Doch einer sticht für mich hervor, der „Mirador del Morro de Agando“, eine stählerne Aussichtsplattform, die einen spektakulären 360°-Blick über die gesamte Insel, bei guter Sicht sogar bis zum Teide auf Teneriffa, und auf den felsigen Roque de Agando erlaubt. Da man von der Parkbucht etwa 10-15 Minuten zur Plattform laufen muss, hat man den Ausblick außerdem auch noch oft für sich alleine! Wir kommen zwei Mal hierher, sitzen in der Sonne, fotografieren und hängen beim Blick in die Ferne unseren Gedanken nach – was für ein atemberaubender Ort!

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360°-Blick auf La Gomera von der Plattform des Mirador del Morro de Agando.

#4 Die Wanderung zu La Gomeras Lost Place „alter Flughafen“

Die besten Orte sind ja bekanntlich die, die man sich ein bisschen erarbeiten muss. Daniel hatte im gomeraforum.de einen Eintrag entdeckt, dass es eine Wanderung zum verlassenen, alten Flughafen La Gomeras geben soll. Für uns als Fans solcher Lost Places natürlich ein Must-Do. Außer der Information, dass der alte Flughafen nicht weit vom neuen Flughafen entfernt ist und der Angabe von 8 Stunden Laufzeit ohne Schatten, fanden wir im Netz jedoch nicht viel. Auch GoogleMaps bot keinen neuen Anhaltspunkt. Auf unserer Wanderkarte jedoch gab es ganz im Süden der Insel, westlich des neuen Flughafens bei Playa de Santiago, eine Eintragung „Aeropuerto viejo“ (span. alter Flughafen). Ich versuchte mit Hilfe der App Maps.me abzuschätzen, bis wohin wir wohl mit dem Auto über die unbefestigte, alte Straße vordringen können. Um sicher zu sein, den richtigen Ausgangspunkt für unsere Wanderung zu finden, fragten wir letztendlich auf der Fahrt beim Örtchen Targa aber noch zwei am Straßenrand pausierende Müllmänner, die meine Vermutung über den Ausgangspunk bestätigten, und uns außerdem erklärten, es seien insgesamt 16 Kilometer Wanderung, die sich sehr lohne. So etwas lassen wir uns natürlich nicht zweimal sagen!

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Parkplatz hinter dem Hof „La Roseta“.

Also parken wir unseren Wagen ein Stück hinter dem Hof „La Roseta“ und beginnen dort unseren Fußmarsch. Die verlassenen weißen Gebäude des alten Flughafens sind von hier tatsächlich sogar schon sichtbar, leider versperrt aber ein hunderte Meter tiefer Canyon den direkten Weg.

Zunächst nehmen wir fälschlicher Weise den Geröllweg bergab, als dieser allerdings nach wenigen hundert Metern endet, werfen wir nochmal einen Blick auf unsere Wanderkarte und sehen, dass wir dem Pfad bergauf, entlang des Grats des Canyons folgen müssen. Schlagt an dieser Stelle also unbedingt den Geröllweg rechter Hand bergauf ein!

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Geröllweg und Schreine entlang des Canyons auf der Wanderung zum Lost Place „Aeropuerto viejo“.

Was nun folgt ist eine traumhaft einsame Wanderung durch spektakuläre Natur. Immer wieder geht es auf und ab, über Schotter oder über große, lose, abgestürzte Felsbrocken, die die ursprüngliche „Straße“ kaum erahnen lassen, vorbei an zwei in den Fels geschlagenen Schreinen, immer den Pfad entlang des Canyons im Blick, bis wir nach etwa zwei Stunden bereits die ersten verlassenen Häuser des ehemaligen Flughafengeländes erreichen. Die Freude ist groß, und sofort beginnen wir zu fotografieren.

Doch der Blick von hier hinab verrät, dass noch ein ganz erhebliches Stück Weges vor uns liegt bis zum ehemaligen Tower, einem Hangar sowie dem Rollfeld des eigentlichen Flughafens. Einer alten Wasserleitung folgend laufen wir noch einmal etwa 30 Minuten durch staubiges Geröll. La Gomera, die grüne Insel, wirkt hier eher wie die Sahara. Zum Glück ist der Himmel seit unserem Aufbruch die ganze Zeit bedeckt und die Temperaturen mit etwa 20°C sehr erträglich!

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Verlassener Tower des Lost Place „Aeropuerto viejo“.

Unten angekommen können wir unser Glück kaum fassen, so besonders ist die Szenerie! Der ehemalige Tower ist gut erhalten, man kann sogar über eine Treppe auf das Dach steigen. Im Inneren befinden sich ein paar kaputte Einrichtungsgegenstände, die die trockene Luft jedoch erstaunlich gut konserviert hat.

Der Hangar hingegen wirkt weitaus mehr demoliert. Im Inneren zeugen Überreste von Lagerfeuern, Knochen und rostige Konserven von ausgiebigeren Aufenthalten einiger Leute. Der Boden ist über und über mit trockenem Lehm bedeckt, ein surreales Bild. Und von überall der endlose Blick auf den blauen Atlantik.

Etwa zwei Stunden halten wir uns hier unten auf, fotografieren, entdecken, picknicken, bevor wir uns auf den anstrengenden Rückweg bergauf machen. Wir treffen eine große Herde Ziegen, aber keine Menschen. Zwei Stunden später sind wir mit einem großen Erlebnis und hunderten Fotos mehr zurück am Auto – was für eine grandiose Tour!

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Blick in den Canyon „Barranco de Ereses“ auf der Wanderung zum Lost Place „Aeropuerto viejo“.

Fazit: Wenn ihr körperlich einigermaßen fit seid, sind Hin- sowie Rückweg in jeweils 2-2.5 Stunden gut zu schaffen, selbst wenn ihr wie wir immer wieder für Ausblicke und Fotos kurz pausiert.

#5 Das Palmen-Tal Valle Gran Rey

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Valle Gran Rey ist der beliebteste Ferienort auf La Gomera, auch wir hatten hier unser Quartier, das Hotel Gran Rey. Das wunderschöne Tal zieht sich von den steilen, mit Palmen bewachsenen Berghängen bis hinunter zum Meer, wo ihr kleine Strandabschnitte und Badebuchten mit feinem, schwarzem Sand findet. Massentourismus ist auf La Gomera zum Glück (noch) ein Fremdwort! Und so kann man ganz entspannt am Nachmittag die Strandpromenade entlang spazieren, über die kleine Einkaufsstraße bummeln oder in einer der zahlreichen Bars auf einen Café Cortado oder Apérol Spritz einkehren.

Vor etwa 40 Jahren sind viele deutsche Aussteiger und Hippies nach La Gomera ausgewandert. Vor allem am Abend, wenn sie sich zum Sonnenuntergang am Strand versammeln und dazu auf ihren Bongos trommeln, werdet ihr sie treffen.

Eine ganz besondere Empfehlung ist das Restaurante Abraxas, in das wir jeden Abend wieder zu fantastisch leckerem Essen einkehrten. „New Canarian Kitchen“ – klassische kanarische Küche neu interpretiert bereitet Chef Wolfram Sommer zu. Ob Thunfisch mit Zitronenschaum, hausgemachte Pasta, Gomera-Ziegenkäse oder Iberico-Schwein, alles vom Feinsten.

Ich mochte die Abwechslung von einsamer, unberührter Natur am Tag und gewisser städtischer Infrastruktur am Abend, daher ist ein Quartier im Valle Gran Rey absolut zu empfehlen.

#6 Playa Vallehermoso und das verlassene „Castillo del Mar“

Wer mich und meinen Blog kennt, weiß bereits, dass wir auf Reisen gerne Lost Places abklappern. So durfte noch ein weiterer Ort auf unserer Entdeckungsliste nicht fehlen, das verlassene „Castillo del Mar“, gelegen in der Nähe des Strands von Vallehermoso im Norden La Gomeras.

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Panorama-Blick auf das Castillo und die Bucht Playa Vallehermoso.

Auch bei diesem Ort handelt es sich ursprünglich um eine kleine Hafenanlage. Um 1890 wurden von hier aus Waren verschifft. Dicke Mauern und Kanonen schützten das Castillo vor Piratenangriffen. Im Jahr 1950 wurde die Handelsaktivität in Vallehermoso jedoch eingestellt, und Steinschlag zerstörte im Laufe der Zeit die Küstenstraße hinunter zur Festung am Meer. Einige Jahrzehnte war das Gelände unzugänglich, bis es ein deutscher Investor erwarb, um es zu einem Kulturzentrum umzubauen. Die Renovierungsarbeiten begannen im Jahre 2001, doch nach der Fertigstellung verweigerte die Regierung die Stromversorgung der Kulturstätte. Seither zerstörten Felsen und Geröll nicht nur wieder die Zufahrtsstraße, sondern auch Teile der neu gebauten Veranstaltungsräume und der Bühne. Der spektakulär gelegene Ort gleicht einem Inferno, überall liegen riesige Felsbrocken, die bei starkem Wind (Achtung: Lebensgefahr!!!) von der angrenzenden Felswand hinabstürzen. Auf der anderen Seite schlägt der tosende Ozean gegen das Castillo.

Als wir Playa Vallehermoso am frühen Vormittag erreichen, ist es glücklicher Weise windstill und ebenso wie am alten Flughafen, befindet sich noch niemand sonst auf dem Gelände. Ein rostiges Schild weist den Weg zum Castillo, wir wagen uns zu Fuß über die zerstörte Straße. Riesige graue Betonbrecher sollten diese vor den Wellen schützen, doch die wahre Zerstörung kommt von oben. Zwei komplett von Steinschlag zerborstene Bootswracks liegen vor dem Gebäude, der Ort gleicht einem Kriegsschauplatz. Wir halten alles fotografisch fest und vor allem Daniel ist mal wieder total in seinem Element. Während man das „neue“ Veranstaltungsgebäude betreten kann, sind die Holztore des Castillos leider komplett mit Stacheldraht verriegelt.

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Als die Sonne endlich zum Vorschein kommt, bemerke ich an der kleinen Bucht hinter dem Castillo einen in den Fels geschlagenen Pfad. Mit Hilfe eines gespannten Seils kann man sich dort entlang, oberhalb des Wassers, bis auf einen großen, vorgelagerten Felsen mitten im Meer hangeln. Hier habt ihr nicht nur einen super Blick auf die Rückseite des Castillos, sondern auch noch auf einen weiteren Gebäudeteil oben auf den Klippen – was für eine beeindruckende Lage für eine Festung, welche Naturgewalten! Eine absolut faszinierende Szenerie für Urban Explorers!

Insgesamt bestimmt zwei Stunden erkunden wir das Gelände rund um die alten Mauern des „Castillo del Mar“ und erst, als wir den Rückzug antreten, kommen uns ein paar Schaulustige entgegen.

Wissenswertes:

Reisezeitraum? 1.-6. Mai 2019.

Ideale Aufenthaltsdauer? 6-7 Tage vor Ort.

Anreise? Für die An- und Abreise solltet ihr von Deutschland jeweils einen ganzen Tag einplanen. Zunächst fliegt man zum Flughafen Teneriffa-Süd, von dort geht es mit einem Mietwagen, Bus oder Taxi zum Hafen von Los Christianos, wo zwei Fähranbieter etwa 3x täglich in 50 Minuten nach San Sebastián de la Gomera übersetzen.

Mietwagen oder Bus? Wir haben unseren Mietwagen von OASIS-Rent a Car bereits am Flughafen Teneriffa übernommen (Kosten inkl. Versicherung ca. 26€ pro Tag) und sind damit problemlos auf die Fähre und nach La Gomera gefahren. Achtung: Nicht alle Mietwagenanbieter erlauben die Fährüberfahrt! Eine andere Anreise-Möglichkeit ist das Busunternehmen Autobusesmesa, die euch vom Flughafen bis zu eurem Quartier auf La Gomera bringen.

Wohnen? Ich habe uns über das Portal booking.com ein Zimmer mit Frühstück im Hotel Gran Rey im wunderschönen Valle Gran Rey (s.o.) an der Westküste gebucht – absolut empfehlenswert! Es gibt aber zahlreiche günstige Möglichkeiten überall auf der Insel, vor allem viele Ferienwohnungen. Bis auf den Hauptort San Sebastián, wo auch die Fähren anlegen und es dadurch etwas trubeliger zugeht, fanden wir alle Dörfer sehr hübsch und authentisch.

Unbedingt probieren: Barraquito trinken – der typische Kaffee auf La Gomera, für den gesüßte Milch, Marillenlikör, Espresso, geschäumte Milch und Zimt übereinander geschichtet werden, verboten lecker!

→ Mehr Fotos? Daniel hat inzwischen auf seiner Homepage auch einige seiner besten La Gomera Bilder veröffentlicht. Hier entlang!

 

Gefallen dir meine La Gomera-Reisetipps oder kennst du vielleicht noch weitere unbedingt sehenswerte Orte auf der Insel?
Hinterlasse mir gerne einen Kommentar! Deine Julia