Hand aufs Herz: Habt ihr schon einmal darüber nachgedacht, euren Urlaub in Moldawien zu verbringen? Nein?! Wir eigentlich auch nicht! Da ich auf Reisen aber so gerne Vorurteile widerlege, Länder sammele und die Ex-Sowjetrepublik zwischen Rumänien und Ukraine quasi „auf dem Weg“ lag, nahmen wir sie einfach mit auf in unseren Osteuropa-Roadtrip.

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Auf rumänischer Seite der Grenze. Foto: Daniel Häker

Von Rumänien kommend, herrscht an diesem Vormittag gähnende Leere am Grenzübergang bei Oancea. Ein Grenzer nimmt gelangweilt unsere Reisepässe, und wenige Minuten später haben wir den Moldawischen Stempel darin. Ich hatte gelesen, dass wir eine Vignette brauchen, die man direkt in einer kleinen Wechselstube an der Grenze für umgerechnet 3€ kaufen kann. Weil man natürlich nicht mit Euro bezahlen kann, wechsle ich 20€ in Moldawische Leu, bezahle damit und erhalte einen Papierwisch – die Vignette. Etwas überrascht schaue ich die Frau in dem kleinen Büro an und sie wirft mir eine Tirade Russisch an den Kopf. Ich verstehe kein Wort, lächle und beschließe einfach, dass dieser Zettel seine Richtigkeit hat.

170 Kilometer sind es noch bis in die Hauptstadt Chişinău – die „Kischinau“ ausgesprochen wird. Aber waren die Straßen auf rumänischer Seite bereits schlecht, sind sie nun katastrophal, die reinste Schlagloch-Piste. Zum Glück begegnet uns fast niemand, bis auf ein paar Pferdefuhrwerke.

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Gängiges Verkehrsmittel im ländlichen Moldawien.

Und so rumpeln wir dahin, vorbei an kleinen Flüssen, blühenden Feldern, Kühen und an Weinstöcken in milden, sanft geschwungenen Hügeln. Irgendwie hatte ich mir dieses Moldawien ja spannender und wilder vorgestellt. Zum ersten Mal auf unserer Reise kommt mir der Gedanke, dass es vielleicht einen Grund hat, weshalb hier niemand hin fährt. Aber so schnell geben wir sicher nicht auf!

Angekommen in Chişinău, checken wir im City Park Hotel ein – eine rundum gute Wahl – und unser Golf darf sich in einem abgeschlossenen Innenhof gegenüber dem Hotel erholen. Na, so weit, so gut. Jetzt sind wir natürlich sehr gespannt, was uns in der 700.000-Einwohner-Metropole so alles erwartet. Los geht’s:

Parkul Catedralei mit Triumphbogen

Weil das Hotel ganz in der Nähe dieses zentral gelegenen Parks steht, beginnen wir unsere Stadtbesichtigung im Cathedral Park. Es ist ein sonniger Nachmittag, und einige junge Leute und Familien spazieren durch den Park, sitzen auf Bänken und essen ein Eis. An jeder Ecke gibt es dies an Kiosken und Ständen zu kaufen. Diese kleinen Läden an verschiedenen Stellen innerhalb von Parks scheinen etwas ganz Typisches für Osteuropa bzw. den Balkan zu sein. Ebenso wie kleine Karussells und elektrisch betriebene Fahrzeuge, auf denen Kinder durch die Gegend flitzen. Bilder, die aus unserem westlichen Straßenbild schon seit Jahrzehnten verschwunden sind.

Inmitten des Parks liegt die bedeutendste Kirche der Stadt, die moldauisch-orthodoxe „Kathedrale der Geburt des Herrn“. Außerdem lohnt vielleicht ein Blick auf den „Heiligen Bogen“, einen 13 Meter hohen Triumphbogen an der Südseite des Parks, gegenüber dem Regierungsgebäude. Wir müssen schmunzeln…sein Pendant in Paris misst immerhin 50 Meter.

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Der „Heilige Bogen“ im Cathedral Park, Chişinău.

National Oper/Ballett und Konzertsaal National Palace

Als Berufsmusiker ist es für uns immer auch eine „Pflicht“ den Kollegen „Hallo“ zu sagen. Im Sommer während der Spielzeitpause bedeutet das, sich zumindest die Spielstätten anzuschauen. Auch hier laufen angeblich einige der typischen Opern-Klassiker: Madame Butterfly, Don Quijote oder Eugen Onegin werden auf Plakaten angekündigt. Die Gebäude wirken jedoch momentan völlig verwaist.

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Konzertsaal „National Palace“, Chişinău.

Restaurant „Propaganda Café“

In der Strada Alexei Şciusef liegt dafür aber ein ganz besonderes Restaurant, das „Propaganda Café“. In gemütlichem Ambiente mit vielen Sammlerstücken, Büchern, Fotos etc. treffen sich hier Reisende und Einheimische und genießen die exzellente Küche sowie den hervorragenden moldauischen Wein. Die abwechslungsreiche Karte bietet etwas für jeden Geschmack, spannend sind aber vor allem die traditionellen Sowjet-Gerichte. Weil es uns so gut gefallen hat waren wir am zweiten Abend unseres Chişinău-Aufenthalts noch einmal hier. Nicht verpassen!

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Tipp für den Abend: Das „Propaganda Café“ in Chişinău.

Staatszirkus

Den zweiten Tag beginnen wir mit einem „Abandoned Place“, dem Gebäude des ehemaligen moldauischen Staatszirkus im Osten der Stadt, deutlich zu erkennen an zwei riesigen Zirkusfiguren über dem verrammelten Eingang. Leider kann man das große, verfallene Gebäude aus Sowjetzeiten nicht mehr betreten. Wir umrunden es einmal komplett, eine Oma mit ihrem Enkel tut es uns gleich. Das traurige Gesicht des Jungen darüber, dass es den Zirkus nach der Unabhängigkeit Moldawiens seit dem Jahr 2004 nicht mehr gibt, spiegelt die Wehmut nach vergangenen Zeiten wieder, die auch das Stadtbild Chişinăus auf uns ausstrahlt.

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Relikt aus besseren Zeiten: Das Gebäude des moldauischen Staatszirkus.

Zu Hause in der Platte

Wir laufen weiter, vorbei an zahlreichen unschönen Plattenbauten, und schauen in verfallene, leere Hinterhöfe. Die Plattenbaudichte hat einen Grund: Im zweiten Weltkrieg wurde die Hauptstadt Moldawiens fast vollständig zerstört, und der Wiederaufbau folgte nach typisch sozialistischem Städtebauprinzip. Doch je länger wir unterwegs sind, desto mehr frage ich mich, ob es überhaupt Menschen in dieser Stadt gibt?! Viele sehen wir jedenfalls nicht.

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Hinterhof in Chişinău. Foto: Daniel Häker

Café-Museum „Coffee Molka“

Da es Mittag ist und schon wieder ziemlich heiß, kehren wir auf ein Getränk bei Alexander Stukalov im Kaffeehaus „Coffee Molka“ ein. Der in Moldawien bekannte Autor und Fernseh-Moderator hat sich hier ein kleines Café-Museum erschaffen mit vielen Fotos aus – welch´ Wunder – vergangenen Chişinău-Tagen und Gegenständen zum Thema Kaffee. Wir sind so früh am Mittag seine ersten Gäste, und während er für uns türkischen Kaffee im traditionellen Sand-Bad kocht, berichtet er von Moldawiens Problemen mit der Korruption, um im nächsten Moment zu erklären, dass zu Sowjet-Zeiten doch vieles besser war für die normale Bevölkerung. Ich traue meinen Ohren nicht, hat er das wirklich gesagt? Er, in dessen Café auch Jazz- und Tangoveranstaltungen stattfinden, der sehr gut Englisch spricht, er wünscht sich den Sozialismus zurück? Wir sind durchaus erstaunt!

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Portrait Alexander Stukalov, Besitzer des Kaffeehauses „Coffee Molka“ in Chişinău. Foto: Daniel Häker

Nach dieser interessanten, erholsamen Pause laufen wir zurück ins Zentrum. Die einzigen Menschen, denen wir begegnen, sind zwei ältere Damen. Als Daniel sie von der gegenüberliegenden Straßenseite fotografiert, müssen sie beide lachen. Eine von ihnen kommt herüber zu uns, gibt Daniel einen Klaps auf den Hintern – ja, wirklich! – und spricht ihn auf Russisch an, warum er sie fotografiert habe, sie seien doch alt und hässlich 😀 Vielleicht steckt hinter den grauen Fassaden ja doch noch etwas mehr…die Dame hatte jedenfalls Humor.

Central Park „Stefan der Große“

Dennoch, so richtig viele Leute haben wir noch nicht getroffen, und dabei liebe ich doch nichts mehr, als Menschen zu gucken…das muss doch auch in Moldawien möglich sein!

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Brunnen im Central Park, Chişinău.

Also schlendern wir in einen weiteren der zahlreichen Stadtparks, in den Zentral-Park „Stefan der Große“. Bereits am Rande des Parks vernehme ich Musik, unüberhörbaren Balkan-Beat mit Gesang und Klarinette. Ich ziehe Daniel am Ärmel, los…da scheinen endlich Menschen zu sein! Als wir die Band erreichen, breche ich in Gelächter aus: Wir stehen mitten in einem Rentner-Tanzkaffee unter etwa 100 älteren Damen und Herren. Die Frauen in bunten Sommerkleidern mit Strohhüten, die Herren in Anzug und Krawatte à la Modell Sowjet in beige bis grau, genießen hier ihren Nachmittag und feiern ausgelassen. Es gehen Tabletts mit Sektgläsern umher, keiner stört sich an uns Schaulustigen, im Gegenteil. Wir sind begeistert und haben endlich doch noch Leben in dieser Stadt entdeckt.

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Rentner-Tanzkaffee im Central Park, Chişinău.

Parkul Valea Morilor

Auch hier treffen wir später am Tag noch auf Menschen. Frisch verliebte Paare und junge Familien posieren auf der Treppe „Scara Cascadelor“ für Fotos, und in einiger Entfernung liegt sogar ein gut besuchtes Strandbad, der Aventura Park.

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Scara Cascadelor im Valea Morilor Park, Chişinău.

Victory Memorial

Für alle, die auf sozialistische Denkmäler stehen, lohnt sich wohl auch ein Besuch des Victory Memorials, welches ein Denkmal für die Gefallenen des 2. Weltkriegs ist. Es steht etwas außerhalb des Zentrums auf dem Gelände des Armenischen Friedhofs „Cimitirul Central“. Obwohl wir solche Orte normaler Weise nicht auslassen, waren wir nicht dort.

Weingüter

Ebenfalls lohnen soll sich ein Besuch auf einem der Weingüter des Landes. Viele von ihnen bieten Touren und Kostproben an.

Orheiul Vechi

Dieser Ort wird oft als erste und wichtigste Sehenswürdigkeit des Landes genannt. Es ist eine historische Ausgrabungsstätte mit einem Höhlenkloster, gelegen etwa 50 Kilometer nord-östlich von Chişinău. Nennt uns ignorant, aber wir haben nicht einmal darüber nachgedacht, diesen Ort zu besuchen, erstens, weil wir bereits in Bulgarien den obligatorischen Klosterbesuch hinter uns gebracht haben (Kloster Rila in Bulgarien – Übernachten im UNESCO Welterbe), und zweitens reizt uns immer eher das „echte Leben“ der Menschen im Hier und Jetzt und weniger die historischen Stätten. Ich möchte diesen Ort dennoch der Vollständigkeit halber auflisten.

Wer mehr darüber lesen möchte: John und Marc von 1thingtodo waren dort und haben auf ihrem Reiseblog ausführlich von ihrem Trip berichtet.

Fazit:

Als wir am nächsten Morgen aus dem Hotel auschecken, entlässt uns die Rezeptionistin mit den Worten „Auf Wiedersehen, denn sehr viele Reisende, vor allem Deutsche, kommen immer wieder nach Moldawien zurück, wenn sie einmal hier waren“. Irgendwie schwingt da, so scheint mir, ein bisschen mehr Wunsch als Realität in ihren Worten mit.

Klar, Schönheit liegt im Auge des Betrachters und wir beide, Daniel und ich, sind sehr weit davon entfernt, immer nur schöne Orte aufzusuchen, im Gegenteil. Aber gerade deswegen glaube ich nicht, dass ich Moldawien ein zweites Mal bereisen werde. Wenn schon nicht schön, muss es zumindest spannend, interessant oder lebhaft sein. Davon war leider nicht so viel zu spüren. Alle diese Attribute scheinen hier unter einer dicken Schicht Sowjet-Staub verborgen zu sein.

 

Du warst schon einmal in Moldawien? Wie war es für dich? Habe ich etwas Wichtiges vergessen?

Oder planst du eine Reise dorthin und hast eventuell noch Fragen?

Hinterlasse mir gerne einen Kommentar! Deine Julia