Wir machen es uns in der Nähe einer Wasserstelle im Gras gemütlich und beobachten die Dorfbewohner der Tempelstadt Mrauk U, Erwachsene wie Kinder, bei ihrer abendlichen Beschäftigung, Wasser in silbrigen Krügen zu ihren Hütten zu balancieren.

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Es ist unser erster Abend im Rakhine-Staat im Nordwesten Myanmars, und trotz der Sorge unseres einheimischen Guides Shwe vor Überfällen auf uns, sind wir alleine vom Hotel losgezogen.

Nur etwa 30 Reisende im Monat kommen in diese abgelegene Region des Landes, und entsprechend unberührt und authentisch ist die Gegend.

Ein Junge setzt sich zu uns und beobachtet uns eine Weile interessiert, kichernd laufen jugendliche Mädchen an uns vorbei. Westliche Touristen sind hier noch eine Seltenheit. Die untergehende Sonne und der in der Luft flirrende Staub tauchen die Szenerie in ein unwirkliches Licht, und schnell vergessen wir die Zeit und die beschwerliche Anreise. Sofort zieht uns dieser exotische Ort in seinen Bann.

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Am nächsten Morgen sind wir mit Shwe verabredet, die uns die Tempel und ihr Dorf zeigen möchte. Die Verständigung mit ihr, Englisch hat sie sich autodidaktisch beigebracht, ist schwierig, aber irgendwie kommen wir mit Händen und Füßen zurecht.

Wir entdecken märchenhafte Tempel, überwucherte Buddha-Statuen und Stupas aus einer längst vergangenen Zeit.

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Dazwischen grast das Vieh. Hier auf dem burmesischen Land gibt es weder fließendes Wasser noch Strom. Die Felder werden mit Ochsenkarren bestellt, und die Menschen leben in einfachen Holzhütten.

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Foto: Daniel Häker

Überall kommen uns fröhliche, den burmesischen Gruß „mingalaba“ rufende Kinder entgegen. Wir beobachten, wie die für Myanmar typischen Strohhüte von Hand hergestellt werden und treffen ältere, Pfeife rauchende Frauen in ihren Vorgärten.

 

Es wirkt, als wäre hier, weit entfernt der Hauptstadt Yangon und der Touristenziele Bagan, Mandalay, Inle-See und Ngapali Beach, die Zeit im Jahre 1900 stehen geblieben.

Abends sitzen wir als einzige Gäste im Restaurant unseres Hotels und werden von sechs jungen Frauen gleichzeitig umsorgt. Es gibt fantastisch frisches Gemüse, köstliche Suppen und Nudeln für ein paar wenige Euro. Sobald alles an unserem Tisch ist und wir essen, stehen die Frauen aufgereiht an der Theke und beobachten uns unverblümt. Bis zum letzten Abend haben wir nicht genau verstanden, was das soll…sind wir wirklich so interessant? 😀

Am dritten Tag unseres Aufenthaltes möchten wir noch tiefer ins Landesinnere vordringen, in den Chin-Staat an der Grenze zu Bangladesch. Nach einer etwa dreistündigen Bootsfahrt vorbei an Bambuswäldern über den Fluss Lya Myo, erreichen wir das Dorf Panboung.

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Zusammen mit Shwe möchten wir hier einige der letzten alten Frauen treffen, die noch die traditionelle Gesichts-Tätowierung der Chin tragen. Bis vor etwa 50 Jahren wurde dies in der Kultur der ethnischen Minderheit bei jungen Mädchen praktiziert, um sie weniger attraktiv erscheinen zu lassen und sie damit vor den Männern der umliegenden Stämme zu schützen. Inzwischen ist die Tradition jedoch verboten.

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Hier in den Dörfern fernab jeglicher Zivilisation versorgen die Menschen sich weitestgehend autark. Sie betreiben Obstplantagen und fischen im Fluss. Ihre Lebensweise ist sehr einfach, medizinische Versorgung gibt es nicht. Allerdings vereinzelte Schulen mitten im Dschungel, die in Zusammenarbeit mit einer italienischen Hilfsorganisation errichtet wurden.

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Einige der Frauen weben wunderschöne bunte Tücher und Schals, die sie an die wenigen eintreffenden Reisenden verkaufen, um sich so etwas dazu zu verdienen. Selbstverständlich erstehen auch wir so einen Schal und werden seither immer wieder darauf angesprochen, woher wir den denn haben.

Auf der Bootsfahrt zurück nach Mrauk U hänge ich meinen Gedanken nach: Nie zuvor in meinem Leben fühlte ich mich weiter von zu Hause und unserer westlichen Welt entfernt. Seit Tagen haben wir weder Handy- noch Internetempfang, zum Glück hatte ich meine besorgte Familie in Deutschland vorgewarnt. Und selten habe ich eine Reise so intensiv erlebt.

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Foto: Daniel Häker

Ein letzter Abend bleibt uns in unserem einfachen Bungalow des Vesali Resort, bevor wir in die trubelige Metropole Yangon und damit in das moderne Leben des Jahres 2015 zurückkehren.

Wissenswertes:

Wo liegt Mrauk U und wie kommst du dorthin? Die Tempelstadt Mrauk U liegt im Rakhine-Staat im Westen Myanmars, etwa 120 Kilometer nordwestlich der Stadt Sittwe. Sittwe erreicht man am schnellsten mit einem etwa 1,5-stündigen Flug (ca. $120) einer der inländischen Gesellschaften wie Air Bagan oder Air Mandalay von Yangon oder Ngapali aus. Von dort geht es weiter, am besten mit einem privaten Mietwagen inkl. Fahrer (ca. $220), in 4-5 Stunden nach Mrauk U. Im Januar 2015 war diese Strecke noch weitestgehend unbefestigt, eine asphaltierte Straße befand sich allerdings im Bau. Eine andere Möglichkeit ist ein lokales, öffentliches Boot (ca. $15) über den Kaladan Fluss sowie ein kleiner, öffentlicher Bus (ca. $3). Weitere Infos dazu auf: www.go-myanmar.com

Wieviel Zeit einplanen? Da man für die An- und Abreise jeweils einen Tag einplanen kann, sollte man sich insgesamt mindestens 5 Tage Zeit nehmen für diesen Trip.

Unterkünfte? Es gibt etwa 15 kleine Hotels und Guest Houses, zu buchen z.B. bei www.booking.com. Wir waren im Vesali Resort untergebracht, das aber den Namen Resort wirklich nicht verdient hat. Die Ausstattung ist extrem einfach und stimmt nicht mit den Angaben bei booking.com überein.

Sicherheit? Wir haben uns trotz obligatorischer Warnung der Guides zu keinem Zeitpunkt unsicher gefühlt. Überall haben wir offene, freundliche, unvoreingenommene Menschen erlebt. Auf die Fragen nach den in dieser Gegend bekannten religiösen Problemen zwischen Buddhisten und der ethnischen Minderheit der Rohingya bekamen wir, typisch asiatisch, keine ehrliche Antwort.

 

Welcher Ort war für dich der abgelegenste in den du jemals gereist bist? Und welche Erfahrungen hast du dabei gemacht?

Hinterlasse mir gerne einen Kommentar! Deine Julia