Kaum zu glauben, aber der kleine Balkanstaat Montenegro gehört landschaftlich zu den abwechslungsreichsten Ländern Europas. Mit seiner von Stränden und Fjorden wie der Bucht von Kotor geprägten Mittelmeer-Küstenregion, einem daran angrenzenden Hochplateau zu dem der Skader-See gehört, das größte Süßwasserreservoire der Balkanhalbinsel, sowie dem Hochgebirgsland mit dem tiefsten Canyon Europas, ist Montenegro ein Naturparadies für Aktivurlauber. Und das beste daran: es kennt noch kaum jemand!

Relativ spontan entscheiden wir uns im September 2014 für einen Mietwagen-Trip durch das kleine Land und starten bei Ben und Emma von Undiscovered Montenegro am Skader-See. Die beiden Briten haben ihre gut bezahlten Jobs in London an den Nagel gehängt, um Neugierigen die versteckte Pracht des Skader-See-Nationalparks näher zu bringen.

Wir sind uns sofort sympathisch, als Ben uns mit seinem roten Landrover in Virpazar, dem einzigen Örtchen direkt am See, aufsammelt, um uns zu unserer Unterkunft, der Villa Miela, zu lotsen. Das einstige Bauernhaus haben die beiden in zweijähriger Eigenarbeit renoviert und eingerichtet. Etwas oberhalb in den Weinbergen gelegen, hat man einen traumhaften Panoramablick über den See.

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Neben Daniel und mir wohnen in der Villa Miela derzeit fünf junge Briten, die gerade von einem Trekking aus dem benachbarten Albanien zurück gekehrt sind, und gemeinsam erkunden wir in den kommenden Tagen die wilde, einsame Schönheit des Sees:

Die Panoramaschleife des Flusses Crnojevića

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Der Fluss Crnojevića schlängelt sich dem Skader-See entgegen. Den schönsten Ausblick auf die Flussschleife bekommt man am Pavlova Strana Viewpoint beim ehemaligen Restaurant Rijeka Crnojevića etwa 4 Kilometer hinter dem Örtchen Rijeka Crnojevića.

Wanderung zu Naturschwimmbecken und Fledermaus-Höhlen

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Folgt man dem Wanderweg entlang dem Fluss Crnojevića entgegen seiner Fließrichtung von der ehemaligen Königsstadt Rijeka Crnojevića aus, passiert man türkisfarben schimmernde, natürliche Pools, die zu einem erfrischenden Bad einladen, bis man nach etwa 2-stündigem Marsch bergauf vor dem riesigen Eingang einer Fledermaushöhle steht. Wir klettern in die Höhle hinab und genießen die kühle, etwas unheimliche Dunkelheit, bevor es wieder nach Rijeka Crnojevića zurück geht, wo wir uns im Restaurant Mostina mit Blick auf die wunderschöne, alte Steinbrücke des Ortes bei Bier und Ćevapčići stärken.

Kayak Safari

Ab Donji Murići, etwa 30 Minuten entfernt von Virpazar, bieten Ben und Emma Kayak Trips auf dem grünblauen Wasser des Skader-Sees an. Wir halten Ausschau nach den 250 verschiedenen Vogelarten, die im Nationalpark leben oder zwischenlanden sowie den etwa 40 Fischarten, die unter stillem Wasserspiegel schwimmen. Ziel des Trips ist die Felseninsel Baška, auf der in einem kleinen Kloster aus dem 14. Jahrhundert einige serbisch-orthodoxe Nonnen leben.

Walnuss-Tal Wanderung

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Ein gut gehütetes Geheimnis von Ben und Emma ist dieser Rundweg, der durch Urwaldland mit Brücken aus ottomanischer Zeit und entlang verwunschenen Flüssen auf antiken, römischen Karawanenwegen durch eines der schönsten Täler am Skader-See führt. Zwischendurch machen wir eine Pause zum Wildwasserschwimmen in einem eiskaltem Flusswasser-Pool.

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Danach picknicken wir auf einem kleinen Hof mit vielen Ziegen, Landschildkröten und wilden Feigen. Hier begegnet man definitiv keinen anderen Reisenden, ein echter Geheimtipp!

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Weinprobe im Skader-See-Tal

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Am Mittag unseres letzten Aufenthalts-Tages holt Ben uns noch zu einem ganz besonderen Ausflug ab. Das Crmnica-Tal, in dem auch die Villa Miela liegt, gehört zu Montenegros besten Weinanbaugebieten. Und in den naheliegenden Orten Godinje, Limljani und Boljevići haben uns drei einheimische Winzer zur Weinprobe des landestypischen Rotweins Vranac eingeladen.

Erwartet man wie bei Weinproben im übrigen Europa ein Schlückchen zum Gurgeln, Spülen und Spucken…Fehlanzeige! Miodrag Leković schenkt voller Erzeugerstolz ein und auch nach, so viel das Glas eben fast. Selbstverständlich darf am Ende auch der selbstgebrannte Schnaps Slivovica nicht fehlen und so verlassen wir bereits den ersten Winzer völlig knülle 😀

So vergehen unsere ersten vier Tage in Montenegro wie im Flug und wir wollen weiter.

Durchs Landesinnere, vorbei am Lovćen Nationalpark, der sich u.a. zum Wandern und Mountainbiking lohnen soll, werfen wir von der Serpentinenstraße P1 einen Blick auf die berühmte Bucht von Kotor.

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Unser Ziel ist jedoch, wie so oft, das viel Unbekanntere, die nur dünn besiedelte Halbinsel Luštica. Zur Seeseite der Landzunge beim Örtchen Mirišta fahren weder Busse noch Ausflugsboote, und das kommt auf dem Balkan schon ziemlich selten vor. Aus diesem Grund gehört der Strand von Žanjice für mich zu den schönsten des ganzen montenegrinischen Küstenstreifens. Vor allem in der Nebensaison hat man diesen Kiesstrand und das klare, in der Sonne glitzernde Meerwasser fast für sich alleine.

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Die touristische Infrastruktur ist hier noch schwach ausgeprägt und Übernachtungsmöglichkeiten gibt es fast ausschließlich in Privatunterkünften. Der Ort mit dem poetischen Namen Rose ist ein weiteres Juwel der Halbinsel. Natursteinhäuser, bunte Klappläden aus Holz, ein ummauertes Hafenbecken mit kleinen Booten, eine kleine Pension, ein Restaurant und die Möglichkeit zum Tauchen.

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Auch hierhin verirren sich noch sehr wenige Touristen. Zwei romantische Tage lang genießen wir die Ruhe, die Sonne, das Meer und unglaublich frisch zubereiteten Fisch.

Danach verlassen wir die Küste Richtung Norden mit Ziel Žabljak, der höchstgelegenen städtischen Ansiedlung des Balkans im Zentrum des Durmitor-Nationalparks. Von den „schwarzen Bergen“ hier, in der Landessprache Serbo-Kroatisch „crna gora“ genannt, hat das Land Montenegro seinen Namen. Wir quartieren uns etwas außerhalb des Ortes bei Peggy im B&B Etno Selo Šljeme in einer für diese Region typischen dreikantigen Holzhütte mit bodentiefem Dach ein.

Habe ich mich gerade noch im Bikini am Strand gesonnt, ist es hier im Hochgebirge im September schon empfindlich kalt. Der höchste Punkt des Nationalparks, der Bobotov Kuk liegt ja auch immerhin auf 2522 Metern Höhe. Im Winter voller Skifahrer, im Sommer Standort für Bergtouren, ist es in diesen Tagen der Nebensaison ziemlich ruhig in Žabljak.

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Fotos: Daniel Häker

Dabei gibt es auch jetzt im Herbst noch einiges zu erleben:

Wanderung um den Crno Jezero

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Eine der leichteren Touren, dafür aber ein echtes Highlight, führt direkt am Eingang des Nationalparks um den „Schwarzen See“. Der etwa 5 Kilometer lange Weg rund um das Ufer des malerischen Bergsees ist nicht zu verfehlen. Im Hintergrund thront der Bobotov Kuk, der im Zusammenhang mit dem See ein tolles Fotomotiv hergibt. Das Wasser des Sees ist sehr sauber, baden ist daher je nach Wetter gut möglich.

Mit dem Sessellift auf den Savin Kuk

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Foto: Daniel Häker

Und mit ziemlich geringer Anstrengung bekommt man sogar ein Gipfelerlebnis. Der Skilift am Savin Kuk läuft nämlich nicht nur im Winter, und so kann man sich für 5€ bequem bis 100 Meter unter den 2313 Meter hohen Gipfel schaukeln lassen. Der restliche Weg bis zum höchsten Punkt des markanten Bergs ist nicht zu verfehlen und bietet eine atemberaubende Aussicht.

Rafting im Tara-Canyon

Der wilde Fluss Tara fräst sich ein paar Kilometer östlich von Žabljak durch einen 1300 Meter tiefen Canyon, die tiefste Schlucht Europas. Zum Grund der Landschaftskerbe führen nur wenige Wege hinab, doch mit einem Rafting-Boot kann man ihr folgen. Organisierte Tagestouren kosten ab 45€ und können hier gebucht werden.

Die Tara-Brücke

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Da wir in den Tagen im Durmitor-Nationalpark leider wirklich Pech haben mit dem Wetter, lassen wir uns den Rafting-Spaß entgehen und sehen die Tara nur von oben von der kühnen Tara-Brücke aus. In fünf Bögen spannt sich das Bauwerk bei Djurdjevića eindrucksvoll über die 350 Meter breite Schlucht und ist damit seit 1941 der einzige für den Straßenverkehr nutzbare Übergang des Flusses. Am höchsten Punkt bietet die Brücke 150 Meter Fallhöhe und die Möglichkeit zum Bungee-Jumping. Außerdem gibt es von April bis Oktober eine Zip-Line über der Schlucht. Für uns ein unvergesslicher Abschluss unseres einwöchigen Montenegro-Aufenthalts.

Wissenswertes:

Anreise? Mit dem Flugzeug von vielen Deutschen Flughäfen in die Hauptstadt Podgorica. Das Flughafenkürzel lautet immer noch TGD wegen des ehemaligen Stadtnamens Titograd.

Einreise/Visum? Montenegro gehört noch nicht zur EU. Eine Einreise mit einem gültigen Reisepass ist jedoch ohne Visum unkompliziert möglich.

Geld? Bezahlung ist überall mit dem Euro möglich.

Sicherheit? Unsichere Gebiete oder No-go-Areas gibt es in Montenegro nicht. Wir haben uns überall im Land sehr sicher und willkommen gefühlt.

Entfernungen/Straßenverhältnisse? Auf der Landkarte umfasst Montenegro eine Raute von nur etwa 120 Kilometern Kantenlänge. Entsprechend kurz sind die Fahrstrecken. Man kommt jedoch nur langsam voran, da die Straßen oft schmal, kurvenreich und in einem schlechten Zustand sind. Trotzdem sind wir mit einem kleinen Hyundai i30 als Mietwagen gut zurecht gekommen.

Achtung: Die montenegrinische Adria-Küste, v.a. der Ferienort Herceg Novi sowie Kotor wird inzwischen viel von lauten, schwerreichen Russen und ihren Yachten sowie Kreuzfahrttourismus aufgesucht. Überall wird in den Bau von Luxus-Villen investiert. Wer dies nicht mag, sollte lieber die etwas abgeschiedeneren Orte im Landesinneren aufsuchen!

→ Lesetipp: Britta von Traveloskop berichtet von einer spektakulären Eisenbahnfahrt, die u.a. über Europas höchste Eisenbahnbrücke, von Podgorica nach Kolašin an die Küste Montenegros führt. Nachreisenswert!

 

Denkst du über eine Reise in einen Balkan-Staat nach und bist noch unschlüssig für welchen du dich entscheiden sollst?

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