„Dort möchte ich irgendwann einmal hin!“, dachte ich im Sommer 2008 und schlug versonnen das Buch „Im Herzen Beduinin“ von Marguerite van Geldermalsen zu. Die Neuseeländerin erzählt darin Ihre Liebes- und Lebensgeschichte mit dem Beduinen Mohammad in den 80er und 90er Jahren in der antiken jordanischen Felsenstadt Petra.

Inzwischen in die Liste des UNESCO Welterbes aufgenommen, durfte Petra also auf unserer Jordanien-Reise im Oktober 2015 auf gar keinen Fall fehlen.

Besucher übernachten im angrenzenden Ort Wadi Musa. Dort befindet sich auch das Petra Visitor Center, in dem man die Eintrittstickets für die Felsenstadt bekommt. Damit wir am nächsten Morgen noch vor Sonnenaufgang als erste Besucher in den Nationalpark aufbrechen können, quartieren wir uns im einfachen, aber sauberen Hotel Edom ganz in der Nähe des Parkeingangs ein und kaufen die Tickets bereits am Abend vorher.

Am nächsten Morgen stehen wir um 6 Uhr, pünktlich zur Öffnung des Tores, am Visitor Center bereit, und machen uns zu Fuß auf den Weg Richtung Siq, eines engen, ca. 1,5km langen Canyons, der als Eingang zur Felsenstadt dient. Mir war nicht bewusst, dass man zunächst 3km über Sand und Schotter wandern muss, bevor man die antike Stadt überhaupt erreicht. Wanderschuhe sind also sehr empfehlenswert!

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Der Eingangs-Canyon (Siq) zur antiken Felsenstadt Petra.

Bereits der Weg durch den teilweise 70 Meter tiefen Canyon und seine roten Felsen ist spektakulär. Wenn man dann, am Ausgang angekommen, das berühmte „Schatzhaus des Pharao“ erblickt, verschlägt es einem den Atem. Es ist einer dieser Momente, in denen mir Tränen in die Augen steigen, überglücklich, diesen wunderschönen, besonderen Ort der Welt erleben zu können.

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Blick aus dem Canyon auf das berühmte Schatzhaus in Petra.

Da wir so früh dran sind, gibt es noch keine anderen Touristen, nur ein paar Beduinen mit ihren Kamelen und Eseln, die anbieten, uns damit durch das insgesamt 264.000qm große Gebiet zu führen. Wir lehnen mehrfach dankend ab, da wir uns lieber zu Fuß und autark bewegen möchten.

Weiter geht es vorbei am „Römischen Theater“ und den „Gräbern der Königswand“. Es gibt über 800 erhaltene historische Baudenkmäler und Opferplätze in und um Petra, geprägt von nabatäischen, griechischen und römischen Einflüssen, die sich teilweise bis ins Jahr 500 v. Chr. zurück verfolgen lassen.

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Das Römische Theater in der antiken Felsenstadt Petra.

Viele davon sind in den Fels geschlagene Grabkammern, in denen sich bis in die 90er Jahre Beduinen vom Stamm der B´doul häuslich eingerichtet hatten.

Eine davon bewohnte die anfangs erwähnte Neuseeländerin mit ihrer Familie. Während ich mir ihre Beschreibung in Erinnerung rufe und mir vorstelle, wie es sich wohl in so einer Höhle lebt, auch im Winter bei Schnee und eisigen Temperaturen – ich friere schon im Oktober in meinen Shorts – sehe ich plötzlich ein im Wind flatterndes Plakat, welches ihr Buch bewirbt, daneben ein kleiner Stand und dahinter eine weiße Frau, die gerade damit beschäftigt ist Souvenirs, Tücher und Bücher darauf zu drapieren. Ich erkenne Marguerite van Geldermalsen!

Erstaunt, sie hier anzutreffen, hatte ich doch gelesen, dass sie Jordanien 2002 verlassen hat und seitdem in Sydney lebt, kann ich mein Glück kaum fassen. Wir begrüßen uns, und ich erzähle ihr, wie mich ihre Geschichte beeindruckt hat und dass wir v.a. deswegen nach Petra gekommen sind. Sie zeigt uns aus der Ferne, in welcher Höhle sie, ihr Mann und die drei Kinder damals gelebt haben und erzählt, wie traurig es war, als alle dort lebenden Beduinen von der Regierung gezwungen wurden, Petra zu verlassen, damit es touristisch besser genutzt werden kann. Heute leben die umgesiedelten Beduinen-Familien in den umliegenden Dörfern, kommen aber weiterhin täglich nach Petra, um als Fremdenführer zu arbeiten und Souvenirs anzubieten. Und auch sie scheint der sagenumwobenen Stadt nicht komplett den Rücken kehren zu können. Nach einem sehr schwarzen Mokka verabschieden wir uns und ziehen weiter.

Die Begegnung macht mich nachdenklich. Menschen werden zwangsumgesiedelt, es wird ihnen ihre jahrzehntelange Heimat genommen, nur um ein Gebiet für den Massentourismus tauglich zu machen. Wieso konnte man nicht beides weiterhin friedlich nebeneinander existieren lassen wie seit Beginn der 30er Jahre? Petra wäre noch authentischer.

Unser Weg führt weiter über die „Säulenstraße“ durch das „Temenos-Tor“ bis zum „Palast der Pharaonentochter“. Niemand hindert uns, zwischen und auf den Gebäuderesten, Felsen und alten Steinen herum zu klettern. Nichts ist abgesperrt oder abgesichert, bei uns in Deutschland undenkbar.

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Säulenstraße in der antiken Felsenstadt Petra.
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Ausblick vom Palast der Pharaonentochter in der antiken Felsenstadt Petra.

Den Aufstieg zum „Felsentempel Ed-Deir“ schwänzen wir jedoch, da die bereits vorhin erwähnten „Gräber der Königswand“ nun im perfekten Licht liegen und wir stattdessen dorthin zurück gehen, um einige Fotos zu schießen.

Zu diesen Gräbern gehören 13 monumentale Grabtempel, u.a. das Palastgrab, das Korinthische Grab, das Soldatengrab oder das Urnengrab. Die Eingänge sind mannshoch, und man kann sich ungestört darin umsehen. Es ist unerwartet feucht und modrig.

Davor gibt es einige mit Tüchern abgedeckte Bretterverschläge, in denen Beduinen-Frauen Schmuck, Postkarten und Tongefäße feilbieten. Es laufen spielende Kinder umher. Im Hintergrund erkennt man in der Ferne die grauen Betongebäude des Dorfes, ihres neuen Zuhauses.

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Die Grabtempel in der antiken Felsenstadt Petra.
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Im Hintergrund Blick auf das heutige Beduinen-Dorf in der Felsenlandschaft von Petra.

Ein kleiner Junge beobachtet uns einige Zeit, kommt auf mich zu gelaufen und nimmt mich an die Hand. Dann zieht er mich in die Richtung einer etwas abseits gelegenen Hütte. Seine Mutter scheint gerade nicht da zu sein. Es liegen Decken auf dem staubigen Wüstenboden und es gibt, wie in der gesamten arabischen Welt üblich, eine Kanne mit sündhaft süßem Minztee. Der Junge schenkt uns Tee in zwei schmutzige Gläser, als seine Mutter zurück kommt. Sie spricht ein paar Brocken Englisch und erzählt uns, dass sie zweimal täglich den einstündigen Weg vom Dorf mit Kind und Gepäck auf dem Rücken zurück legt. Es sei ein anstrengendes Leben, viele der Beduinen-Kinder gehen nicht in die Schule, obwohl in Jordanien Schulpflicht herrscht, da sie tagsüber mit ihren Eltern in Petra sind. Dabei sind von Oktober bis März kaum Touristen da, denen sie etwas verkaufen könnten, ihre einzige Einnahmequelle. Obwohl sie nun im Dorf fließendes Wasser und Elektrizität haben, vermissen sie ihr ursprüngliches Höhlenleben. Während sie erzählt, frage ich mich, was ich mit diesem vollen, verschmutzten Teeglas in meiner Hand anstellen soll, ohne unhöflich zu sein und es nicht anzurühren. Ich gebe mir einen Ruck, ignoriere mein Ekelgefühl und nippe einige Male am Tee. Der kleine Junge strahlt.

Es kommen noch einige andere Kinder neugierig herbei gelaufen. Begeistert sind sie immer von Daniels großer Kamera. Sie lassen sich gerne fotografieren und kichern, wenn er ihnen hinterher die Bilder zeigt und sie sich wiedererkennen. Sie toben ausgelassen vor und mit ihm rum.

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Daniel und einige Beduinen-Kinder.

Ein unvergesslicher Abschluss eines spektakulären Tages im antiken Petra.

 

Wissenswertes:

Reisezeitraum? 12.-15. Oktober 2015

Anreise? Direktflug mit Royal Jordanian oder Lufthansa von Frankfurt nach Amman (ab 500€ p.P.). Mit dem Mietwagen oder Bus in 3 Stunden weiter nach Petra.

Unterkunft? Alle Hotels liegen im Örtchen Wadi Musa! Wir waren im Edom Hotel Petra. Ideale Lage zum Eingang der Felsenstadt Petra. Einfach, aber sauber (ab 46€ die Nacht).

Eintritt? Tickets gibt’s am Petra Visitor Center für ein, zwei oder drei Tage ab 50 Jordanischen Dinar (ca. 60€).

Sicherheit? Viele Leute sind derzeit verunsichert, ob man nach Jordanien reisen sollte. Wir können es nur empfehlen, wir haben uns nirgendwo unsicher gefühlt. Jordanien grenzt zwar im Norden an Syrien und viele syrische Flüchtlinge leben in Camps an der Grenze, davon bekommt man im restlichen Teil des Landes allerdings überhaupt nichts mit!

Tipp: Tatsächlich legt man große Strecken innerhalb der antiken Felsenstadt zu Fuß zurück. Wanderschuhe oder festes Schuhwerk sind sehr zu empfehlen!

Ebenfalls sehenswert: Little Petra (Siq el-Barit), 10 Kilometer nördlich von Petra.

 

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