Als ich am 26. Dezember 2004 von der schrecklichen Tsunami-Katastrophe mit insgesamt 300.000 Toten im Radio hörte, war der Indische Ozean für mich in Deutschland denkbar weit entfernt und ich wusste noch nicht, dass ich Jahre später einmal in diese Region reisen würde.

Auch Sri Lanka, der südlich von Indien gelegene paradiesische Inselstaat, wurde von bis zu acht zerstörerischen Wellen getroffen. Rund 41.000 Menschen verloren ihr Leben. Eine halbe Million wurden obdachlos, verloren ihr Hab und Gut, die Fischer ihre Boote und somit ihre gesamte Lebensgrundlage.

Als wir neun Jahre später, im November 2013 auf der Insel ankommen, scheint zunächst allerdings nichts mehr daran zu erinnern. Das Land befindet sich, auch durch das Ende des Bürgerkriegs im Jahr 2009, im Aufschwung. Es gibt ein Volksfest zur Eröffnung der ersten Autobahn, und viele Hotels sind neu errichtet.

Wir quartieren uns an der Westküste im 40km nördlich der Hauptstadt Colombo gelegenen Negombo im Jetwing Beach Hotel ein. Die Zimmer sind riesig, eingerichtet mit Mobiliar im Kolonialstil, mit Ausblick über einen schön angelegten Pool und den direkt angrenzenden, von Palmen gesäumten Strand bis hinaus auf das Meer. Das Essen und die Sonnenuntergänge sind fantastisch. Insgesamt eine große Empfehlung!

Das Verkehrsmittel der Wahl, wie auch in vielen anderen Ländern Asiens, das Tuk-Tuk, in Sri Lanka auch Three-Wheeler genannt.

Bereits am ersten Tag greift uns Tuk-Tuk Fahrer Kamal vor dem Hoteleingang auf und wartet dort unabgesprochen jeden weiteren Morgen auf uns. Eine für uns Europäer bemerkenswerte Angewohnheit, der wir nach einigen Tagen nur entkommen können, indem wir uns über den Strand hinter dem Hotel davon schleichen.

An diesem Morgen aber möchten wir von ihm noch vor dem Frühstück zum Fischmarkt von Negombo gebracht werden. Wir hatten gehört, dass dort kaum ein Tourist anzutreffen ist sondern vielmehr das von uns immer erhoffte „echte Leben“ der Einheimischen. Wir verhandeln mit Kamal einen Preis – IMMER handeln bevor man in ein Fahrzeug steigt, und am besten schon überlegt haben, was man für eine Strecke, Tour oder einen Tag bezahlen will, sonst Wucher!!! – und knattern los.

Nach ca. 15 Minuten Fahrt erreichen wir den in einer Lagune gelegenen Fischereihafen. Es herrscht emsiges Treiben: Männer laden eine Vielzahl von Fischsorten in bunten Körben von den traditionellen Oruwa-Booten, schmalen Katamaranen mit meist braunem Segel.

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Einige andere Männer stehen im schmutzigen Hafenwasser und angeln.

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An Land kann man an verschiedenen Ständen beobachten, wie die Fische mit großen Messern ausgenommen und portioniert werden.

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Wir stürzen uns ins Getümmel, die Kameras parat. Ich fühle mich irgendwie fehl am Platz als einzige weiße Europäerin zwischen Messern, spritzendem Blut und Fischresten auf dem Boden. Aber dieses Schauspiel ist es wert, und ich dränge mein Unwohlsein bei Seite.

Ein Stückchen weiter sind sie dann zu sehen, die dicken, bunt gekleideten Marktfrauen. Die ausgenommene Ware vor sich liegend, sich unter Schirmen vor der Sonne schützend, schleudern sie furchterregend klingende Sprüche unter das kauflustige Volk. Kamal erzählt uns, dass sie außerdem häufig Zigarre rauchen, was offenbar eine besondere Eigenart der Fischerfrauen von Negombo ist.

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Inzwischen sind wir frühstückshungrig, also setzt Kamal uns als nächstes am „Icebear Century Café“ ab, welches von einem Deutsch-Schweizer geführt wird und angeblich den besten Kaffee im Ort vertreibt. Na gut, da ist noch Luft nach oben…aber wir stärken uns bei Kaffee und Gebäck und überlegen uns, danach spontan einen ausgedehnteren Trip entlang der Küste Richtung Norden zu unternehmen.

Ich hatte gelesen, dass die Straße direkt am Wasser, wie sich später herausstellt eine Schotterpiste, nur von Mopeds und Tuk-Tuks und nicht von Autos befahren werden kann. Also perfekt für die Weiterfahrt mit Kamal.

Kamal, ein Mitvierziger im sauberen weißen Hemd, kommentiert dabei einsilbig Dinge am Straßenrand, „Cow“, „Palmtree“, „Dutch Canal“. Uns amüsiert diese wortkarge Art und seine Aussprache der Englischen Wörter.

Nach einigen Kilometern parkt er das Tuk-Tuk am Straßenrand und bittet uns, auszusteigen. Zwischen Wasser und Schotterpiste gibt es einen relativ schmalen Grünstreifen mit ein paar Palmen.

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„This was my home“, sagt Kamal und zeigt uns die Stelle, an der er bis zum verhängnisvollen Tsunami 2004 mit seiner Frau und den vier Kindern sowie einigen anderen Familien in Holzhütten direkt am Wasser lebte. „Es war an Weihnachten“, erzählt er weiter mit bebender Stimme, „wir waren in der Kirche. Als wir zurück kamen, war alles weg, von der Flut verschluckt.“ Doch alle aus dem überwiegend katholischen Dorf überlebten, weil die Kirche landeinwärts auf einem Hügel liegt. Einzig die Überreste der gemauerten Feuerstellen einer jeden Hütte erinnern daran, dass dort einmal Menschen gewohnt haben. Mir läuft ein Schauer über den Rücken. Für Kamal und seine Nachbarn ist Gott an jenem Abend Wirklichkeit geworden.

Einige Kilometer weiter zeigt er uns eins der vielen rostigen Schiffswracks, die man entlang der gesamten Küste Sri Lankas, von den meterhohen Flutwellen zum Teil bis tief ins Landesinnere hinein katapultiert, finden kann. Unvorstellbar, welche Kraft das Wasser entfacht haben muss.

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Die Regierung hat nach der Katastrophe eine 100-200 Meter breite Schutzzone zum Meer eingerichtet. Aber die Menschen wollen sowieso nicht mehr direkt am Wasser leben. Zu groß sei die Angst, dass sich eine solches Ereignis wiederhole, berichtet Kamal.

Nachdenklich fahren wir weiter, entlang kleinerer Ortschaften, vorbei an Hinduistischen sowie Buddhistischen Tempeln, als Kamal plötzlich am Strand eine Reihe Männer und ein leuchtend buntes Netz erblickt.

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Ihr habt Glück, ruft er begeistert, diese Fischer kommen gerade mit ihrem Fang zurück, ihr Netz ist ganz neu. Wir springen vom Tuk-Tuk und mischen uns unter die Männer, um die Explosion der Farben in Bildern festzuhalten.

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Es ist interessant, sie bei der Arbeit zu beobachten. Alles läuft sehr ruhig und gelassen ab, kaum einer spricht, jeder scheint seine Aufgabe zu haben, man wartet aufeinander. Auch auf den einarmigen jungen Mann, der dabei hilft, die Fische vom Boden aufzusammeln.

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In Sri Lanka gehören die Fischer zur ärmsten Bevölkerungsschicht des Landes, erklärt uns Kamal später. Und ihre Situation hat sich unter den Folgen des Tsunamis noch einmal verschlechtert. Es hat zum Teil Jahre gedauert, bis ihnen neue Boote, Motoren und Netze von der Regierung zur Verfügung gestellt wurden. Ihr Bildungsstandard ist sehr niedrig und ihre Profite werden von korrupten Händlern zunichte gemacht. Dadurch sind sie kaum in der Lage, Ersparnisse zu bilden, und 60% der Fischerfamilien besitzen keinen Wohnraum.

Auf dem Rückweg nach Negombo, die Sonne steht inzwischen tief rot über dem Meer, lasse ich den Tag und das Erlebte Revue passieren. „Ich glaube, es muss der schönste Ort auf Erden sein. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es einen Schöneren gibt.“ schrieb Phillips Brooks 1883 über Sri Lanka. Aber dieses Paradies hat tiefe Risse, und erst die kommenden Jahre werden zeigen, in welche Richtung sich das Land und seine Bevölkerung bewegt. Für mich steht allerdings jetzt schon fest: Ich werde wiederkommen.

Ein großes Dankeschön an Daniel Häker für alle Fotos dieses Berichts! Mehr auf: www.danielhaeker.com