Nach einem spektakulären 4-wöchigen Roadtrip durch Alaska und Yukon im Sommer 2023 hatten wir nach unserer Rückkehr nach Deutschland noch zwei Wochen Ferien übrig. Unbedingt sollte auch unser Offroad-Camper Samu noch auf seine Kosten kommen, und wir planten kurzerhand einen Trip in die Westalpen. Als Westalpen bezeichnet man den Teil der Alpen, entlang dessen die drei Grenzen Schweiz, Frankreich und Italien aufeinander treffen. Die Staatsgrenzen folgen größtenteils dem Alpenhauptkamm, sodass viele der Viertausender-Gipfel auf oder in der Nähe dieser Grenzen liegen. Alte Militärstraßen und Karrenwege führen durch dieses zum großen Teil unberührte, unerschlossene Gebiet. Ideal, wenn man mit einem Fahrzeug wie unserem abgeschieden und jenseits befestigter Straßen in den Bergen unterwegs sein will. Und so erlebten wir ohne große Erwartungen eine weitere traumhafte Reise in diesem Sommer 2023, die ich im folgenden Beitrag schildern werde. Bitte einsteigen und anschnallen:
1. Das mondäne Montreux am Genfer See
Bedingt durch den Jetlag nach unserer Rückkehr aus Alaska fahren wir bereits früh am Morgen um 4 Uhr in Wuppertal los und schaffen es mit einer kurzen, schmackhaften Frühstückspause im Freiburger Café „Liebes Bisschen“ bis in die Schweiz an den Genfer See. Dort drehen wir eine Spazierrunde durch das hübsche Montreux Les Planches, um dann oberhalb von Caux auf einem wilden Stellplatz neben einer verschlossenen Holzhütte zu übernachten. Umgeben von Kuhglocken-Gebimmel und einem heftigen Gewitter in der Nacht sind wir sofort wieder drin im Overlander-Life und genießen es sehr!




2. Der spektakuläre Großer-Sankt-Bernhard-Pass
Am nächsten Morgen geht es weiter durch das Wallis Richtung Italien. Wir sparen uns die 31€ für die Durchquerung des Autobahntunnels am Großen St. Bernhard, sondern fahren lieber über den Berg. Die gut ausgebaute Passstraße (geöffnet von Juni – September) windet sich bis auf die Passhöhe von 2469 Metern und bietet immer wieder grandiose Aussichten auf die umliegenden Walliser Alpen. Immer wieder halten wir an und fotografieren begeistert die Landschaft.






3. Flussbad in Demonte im italienischen Piemont
Auf der anderen Seite des Bergpasses, auf der italienischen Seite der Alpen, erwartet uns schönstes Sommerwetter. Wir fahren noch bis zum Örtchen Demonte und bauen dort in einem steinigen Flussbett, geschützt hinter einigen Sträuchern, in der Nähe der Brücke Ponte di Festiona unser Camp auf. Zunächst kühlen wir uns im eiskalten Fluss ab, bevor wir den lauen Sommerabend vor dem Camper „landesgemäß“ bei Pasta und Rotwein ausklingen lassen. Am Folgetag sollen unsere ersten richtigen Offroad-Touren beginnen.


4. Die atemberaubende Maira-Stura-Grenzkammstraße
Über die Via Val D´Arma, die aus dem Ort Demonte hinauf in die Berge führt, schrauben wir uns am nächsten Morgen bereits gegen 8 Uhr immer höher in spektakulär alpine Landschaft. Nach etwa 22 Kilometern biegen wir links ab Richtung Colle Margherina. Die Schotterpisten sind bis hierhin angenehm zu fahren, und wir halten immer wieder an, um begeistert Fotos aufzunehmen, so auch bei der verlassenen Caserne Della Bandia, wo wir eine Mittagspause einlegen und uns ein zweites Frühstück zubereiten.





Danach lassen wir die Ruinen der Kaserne linker Hand liegen und folgen der Piste weiter. Ein paar Kilometer später parken wir den Wagen am Pistenrand und unternehmen eine kurze Wanderung zum türkis-grün schimmernden Lago della Meja. Wir können uns kaum satt sehen an der grandiosen Bergwelt, die uns umgibt.





Zurück am Fahrzeug geht es weiter über besagte einspurige Piste, die schon bald immer exponierter am Hang und an einzelnen Felsen entlang führt. Zum Glück begegnen uns nur zwei andere Fahrzeuge, denen wir in den Kehren mit etwas Rangiererei gut ausweichen können. Nach weiteren Offroad-Kilometern gibt es einen Abzweig nach rechts zum Col Preit, dem wir folgen. Vorbei an den Hütten des Agriturismo La Meja kommen wir ins kleine Örtchen Preit und fahren weiter bis nach Marmora. Gegen 17Uhr erreichen wir den sehr empfehlenswerten Campingplatz Lou Dahu, der von Sandra und Roland, zwei Weltenbummlern aus Deutschland, betrieben wird. Nach einem hervorragenden Abendessen, welches die beiden mit lokalen Produkten zaubern, drehen wir noch eine Spazierrunde durch das hübsche Dorf Marmora. Nur wenige andere Overlander, Mountainbiker oder Wanderer kommen im Sommer hierher, es herrscht absolute Ruhe und wir genießen das sehr.


5. Durch einen historischen Militärtunnel über den Col du Parpaillon
Am kommenden Vormittag fahren wir über befestigte Straßen zurück nach Demonte und weiter über die französische Grenze nach La Condamine-Chaterlard. Die nächste Offroad-Tour soll uns durch einen auf 2637 Metern Höhe liegenden, 520 Metern langen, dunklen ehemaligen Militärtunnel über den Col du Parpaillon bringen. Dieser Klassiker unter den unbefestigten, hochalpinen Gebirgspässen in den Westalpen verbindet das Tal der Ubaye im Département Alpes-de-Haute-Provence mit der Gemeinde Crévoux im Département Hautes-Alpes. Die eigentliche Passhöhe befindet sich auf 2780 Metern. Diese kann jedoch nicht angefahren werden, da unter dem Passscheitel der besagte Tunnel du Parpaillon die Südostrampe mit der Nordwestrampe verbindet.




Aus Südosten kommend beginnt die Strecke durch ein malerisches Flusstal und schraubt sich über losen Schotter und weite Kehren immer höher auf eine karge, baumlose Hochebene. Über viele Kilometer ist die Piste relativ einfach zu fahren. Erst auf dem letzten Drittel der Strecke wird die Piste steiler und steiniger, und die Kehren sind enger. Wir schalten sicherheitshalber die Untersetzung zu, meistern den Abschnitt bis hoch zum Tunnel jedoch ohne Probleme.

Der einspurige Tunnel selber ist nicht schwierig zu fahren. Es ist jedoch stockdunkel und etwas matschig, da es ständig von der Tunneldecke tropft. Um eventuell von der anderen Seite kommende Fahrzeuge auf uns aufmerksam zu machen, schalten wir unsere besonders starken Lazer Lamps ein. 520 Meter später erblicken wir wieder das Tageslicht. Die Abfahrt nach Crévoux über die Nordwestrampe ist einfach und angenehm über Schotter zu fahren. Im kleinen Restaurant „La Petite Fringale“ direkt am Fuße der Piste kehren wir zu einem guten Mittagessen ein.
6. Offroad-Tour durch das Skigebiet am Col de Valbelle
Noch am Nachmittag fahren wir eine weitere Tour auf den nahegelegenen Col de Valbelle. Über verschiedene Schotterpisten schlängeln wir uns von Crévoux immer weiter bergauf durch ein riesiges Skigebiet. Die im Sommer stillstehenden, brachliegenden Skilifte geben spannende Fotomotive ab. Am höchsten Punkt des Skigebiets parken wir unser Fahrzeug und wandern noch ein Stück weiter den Berg hinauf, um das perfekte 360°-Berg-Panorama zu genießen.





Im Anschluss bewegen wir uns über unterschiedliche Pisten und den Skiort Station de Risoul 1850 wieder bergab bis in das nördlich des Skigebiets gelegene Risoul, wo wir eine ruhige Nacht auf dem Campingplatz „La Ribière“ verbringen.
7. Der versteinerte Wasserfall Fontaine Pétrifiante de Réotier
Per Zufall entdecke ich auf einer Karte den Hinweis auf einen versteinerten Wasserfall am Rande des nahegelegenen Ortes Eygliers. Ein versteinerter Wasserfall ist eine Felsformation, die einem Wasserfall ähnelt, die aber mehr aus Mineralablagerungen als aus fließendem Wasser besteht. Diese Formationen entstehen, wenn mineralreiches Wasser über einen langen Zeitraum über eine Klippe oder einen Hang fließt und die Mineralien beim Verdunsten erstarren. Das klingt spannend, und wir fahren am kommenden Vormittag dorthin. Vom Parkplatz läuft man etwa 5-10 Minuten zum Wasserfall, der einen Blick wirklich lohnt.

8. Auffahrt zur ehemaligen Befestigungsanlage Fort de Roche-la-Croix
Über die landschaftlich wunderschöne, asphaltierte Strecke „Routes des Alpes“ fahren wir nach dem Besuch des Wasserfalls weiter ins Val d´Oronaye. Oberhalb dieses kleinen Ortes liegt das Fort de Roche-la-Croix, eine von zwei Befestigungsanlagen an der Nordflanke des Tete de Siguret (3032m). Eine steile, enge Schotterpiste schlängelt sich durch den Wald hinauf, und vor allem der anspruchsvolle Abzweig zum oberen Fort Supérieur ist nur etwas für sehr wendige Fahrzeuge! Beide Anlagen bieten eine spektakuläre Aussicht auf das Hochtal und die umliegenden Berggipfel. Außerdem sind die verlassenen Festungen aus der Zeit 1885-1900 ein Traum für Freunde von Lost Places, wie wir es sind. Wir schwingen also mal wieder begeistert die Kameras.





9. Ruhetage im traumhaften Marmottes Valley
Nach so vielen Offroad-Abenteuern ist uns nach einer kleinen Pause zumute und wir beschließen, zwei Nächte auf dem nahe, direkt an einem Fluss gelegenen Campingplatz „Les Marmottes“ zu verbringen. Wir genießen das traumhafte Sommerwetter, kochen, duschen warm und unternehmen am zweiten Tag eine kleine Wanderung ins malerische Marmottes Valley (Ausgangspunkt: Pont Rouge Topo), wo wir zahlreichen Murmeltieren begegnen, die der Gegend ihren Namen verleihen.




10. Fahrt über den vierthöchsten Pass Europas, den Col de la Bonette
Über den 2715 Meter hohen französischen Gebirgspass Col de la Bonette fahren wir weiter Richtung Süden. Die schmale, aber durchgehend asphaltierte Straße verbindet das Tal der Ubaye mit dem Tal der Tinée und beschert uns wieder einige spektakuläre Bergpanoramen auf schroffe, karge Gipfel um die 3000 Meter Höhe. Die Passhöhe des Col de la Bonette bildet den Ausgangspunkt einer zwei Kilometer langen Ringstraße, die um den Gipfel herumführt. Von einem kleinen Parkplatz kann man eine kurze Wanderung auf den Gipfel unternehmen, ein zwar windiges aber unvergessliches Erlebnis.


11. Zu Claude Monets Ponte Vecchio im ligurischen Dolceaqua
Zurück in Italien kommen wir mehr oder weniger zufällig in Dolceaqua vorbei, einem hübschen, ligurischen Dorf mit etwa 2000 Einwohnern. Berühmt wurde der kleine Ort durch seine Steinbrücke über den Fluss Nervia, die Ponte Vecchio di Dolceaqua, die Claude Monet 1884 zu seinem Gemälde „Juwel der Leichtigkeit“ inspirierte. Wir drehen zu Fuß eine Runde durch den Ort und über die Brücke, bevor wir uns aufmachen zum Ausgangspunkt unserer letzten großen Offroad-Tour auf dieser Reise.



12. Auf der Ligurischen Grenzkammstraße durch den Naturpark Ligurische Alpen
Über Isolabona und Pigna folgen wir der landschaftlich reizvollen Strada Provinciale 64 über 25 Kilometer zunächst Richtung Norden bis zum Colle Langan. Dort führt bei zwei verlassenen Bunkern eine kleine Straße links Richtung Colle Melosa. Hier ist der Beginn einer etwa 30 Kilometer langen Offroad-Piste, die über weite Strecken direkt auf der italienisch-französischen Grenze durch atemberaubende Landschaft verläuft. Die Schotterstraße, die immer wieder mit vielen spitzen, größeren Steinen gespickt ist und unterwegs durch drei Tunnel verläuft, ist alleine schon durch ihre Länge sehr anstrengend zu fahren. Daher empfehlen wir, sich mindestens 2 Tage Zeit zu nehmen für diese Strecke.






Wir unternehmen unterwegs aber auch noch eine recht ausführliche Wanderung auf den Balcon Marta. Außerdem gibt es immer wieder Bunker und verlassene Fort-Ruinen zu entdecken, weshalb es sich ebenfalls lohnt, etwas Zeit mitzubringen. Insgesamt ein mehr als gelungener Abschluss unseres zweiwöchigen Roadtrips durch die Westalpen!
Wissenswertes:
→ Reisezeitraum? 24. Juli – 6. August 2023
→ Route? Wuppertal – Montreux (CH) – Großer Sankt Bernhard – Demonte (I) – Maira-Stura-Grenzkammstraße – Col du Parpaillon (FR) – Col de Valbelle – Eygliers – Val d´Oronaye – Col de la Bonette – Dolceaqua (I) – Ligurische Grenzkammstraße – Wuppertal

→ Fahrzeug? Für die Offroad-Abenteuer dieses Roadtrips ist ein geländegängiges Allrad-Fahrzeug mit guten AT-Reifen, genug Bodenhöhe und Böschungswinkel unbedingt nötig! Wir fahren einen höher gelegten Toyota Hilux, welcher von der Länge (5,40m) und Breite (1,85m) her wohl das absolut Maximale für einige dieser Routen darstellt. Wir sind überall gut durchgekommen und hatten keinerlei Probleme mit der Größe/Höhe (2,30m) des Fahrzeugs.
→ sonstige Ausrüstung? Du solltest immer genügend Vorräte wie Wasser, Lebensmittel und Treibstoff dabei haben. Außerdem sollte dein Fahrzeug unbedingt mindestens ein richtiges Ersatzrad haben, sowie Werkzeug, um dieses auch wechseln zu können. Bergungsmaterialien wie Schaufel, Abschleppseil, Sandbleche und/oder Seilwinde sind natürlich auch immer nützlich auf so einer Tour. Wir haben jedoch nichts davon gebraucht.
→ Internet/Handyempfang? Stelle dich darauf ein, dass du unterwegs immer wieder keinen zuverlässigen Handyempfang hast.
→ Navigation? Ohne Internetempfang ist eine gute Offline-Navigation umso wichtiger. Wir greifen gerne auf die Apps CityMaps2go und maps.me zurück, wo du dir das Kartenmaterial vorab runterladen kannst. Selbst kleine, abgelegene Pisten sind im Kartenmaterial der beiden Apps markiert.
→ geführte Tour? Kartenmaterial und Streckenbeschreibungen zu den Offroad-Touren findest du im Offroad-Tourenbuch Westalpen/Gardasee der Pistenkuh. Geführte Touren durch die Westalpen bieten inzwischen verschiedene Veranstalter an. Wir können jedoch nichts zur Qualität sagen, da wir auf eigene Faust unterwegs waren.
Pinne diesen Beitrag auf Pinterest


Hinterlasse einen Kommentar